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Nachkriegsratten – Wir werden immer Feinde sein

Dezember 6, 2016

Im Zuge großartiger Neuigkeiten sah ich mich binnen Minuten gezwungen, ein großes Versäumnis nachzuholen. Die Nachkriegsratten sind ihrem Trinkhallenlager bereits letztes Jahr durch die Kanalisation entflohen, um eine neue mystische EP aus ihrer Blütezeit Mitte der 80er den geneigten Hörer*innen zu präsentieren – wenngleich irreführenderweise irgendwas mit 2016 auf ihrer Bandcamp-Seite steht. Die hohe Aktivität der Ratten auf FB und ihre glaubhaften Erzählungen geben mir die Hoffnung, dass sie uns irgendwann eine komplette Timeline ihrer Aufnahmen präsentieren.

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Creative Commons BY-NC-SA 3.0 Nachkriegsratten

Ich bereue ein wenig, nicht betrunken zu sein, aber das sollte jeder, der das nicht ist. Direkt im Opener „Lebendige Leere“ röhrt der Ostler mit verzweifelten Parolen aus der Tonne. Irgendwie so diffuses Gesellschaftsangepisse. Find ich eigentlich furchtbar, aber das hier ist von den Nachkriegsratten.

Heiliger Strohsack, Rumpel-Ronny! „Ausgerutscht + eingekotzt“ zündet dafür wie ein plutoniumangereichtertes 5-Liter-Partydöschen Billig Bier. Warum das nicht der Opener ist, ist mir unbegreiflich. Alles drin: Männermann wird angeschissen und diszipliniert („Stehst du gefälligst auf, wir haben ein Bier zu trinken!“), und der Ostler erzählt dabei die Geschichte, wie es dazu kam – es erinnert mich frappierend an „Wör höt dös göklööööbt?“, auf die gleiche grandiose Art. Gleichzeitig hat auch die ranzigste Nachkriegsratte einen weichen Kern („Männermann, komm, jetzt wach auf du kleiner Vogel […] so, wir singen jetzt zusammen das schöne Lied!“).

Damit nicht genug – „Wanne voller Bier“ ist ein Gassenhauer, der das unterdurchschnittliche „ACAB“ von anno ’86 sofort an die Wand spielt. Ich habe zwar infolge der jüngeren Geschichte einen immer heftigeren Ekel vor Ostakzenten, aber hier geht’s. Schlips Vicious macht einen etwas melloweren und melodischeren Eindruck am Mikro als Ostler/Culti, und seine Monotonie hat er sich direkt bei Männermann abgeschnitten. Instant Favorite, was die Ratten hier gemacht haben. Am Ende wird mehrmals „Hia Hua“ gesagt. In diesem Sinne: Kühe, Schweine, Ostdeutschland! Säxit jetzt! Soli zurück! Ratten zu uns! Hia hua hia hua hia hua hia hua! Hia hua hia hua hia hua hia hua – voll mit BIER!

Über „Sack“ hülle ich mal den gnädigen Mantel des Schweigens.

„Taube“ ist diskutabel. Timo Aster und ich kamen gleichzeitig zum Schluss, ob die Tauben „da oben“, die „auf uns scheißen“, eine Politikermetapher sein sollen. Ist jetzt auch nicht dümmer als ein Normahl-Text, klingt aber immerhin stark nach Ratten. Das mit Pommes Scheiße kann ich noch nicht aus Eigenerfahrung beurteilen.

„In den Untergang“ ist ein bisschen wie das mit der Ratte und dem Köter. „Nutzlos“, genau, so hieß das.

So. „Wanne voller Bier“ reicht, um hier eine klare Empfehlung auszusprechen. Vom Gesamteindruck vermittelt das Album seltsam zwischen der Alles voll Tentakel und der etwas roheren Ostler aus der Tonne. Wenn wir davon ausgehen, dass die Ratten ihre Scheiben in chronologischer Reihenfolge hochladen, kann man wirklich eine Entwicklung erkennen. So! Mutter Schwerthelm kann kommen! Ich bin stoked wie ein Hund!

Nachkriegsratten: Haar + Haar = Mathe!

März 18, 2015

Die beste DeutschOstpunkband der Welt schlug wieder einmal zu. Nicht nur Timo Asters Forderungen, und das Drohvideo, indem ich mich als Männermann, und sich Herr Strathoff und Frau Dings als die anderen Ratten da ausgaben, sorgten für mehr Gesprächsstoff, damit nicht genug: Die Ratten veröffentlichten auf ihrer Facebookseite sagenhafte 5 Lieder – ich berichtete über eins -, die sie der 1985 (!) erschienen EP Haar + Haar = Mathe! zuordneten. Ich wartete Monate darauf, dass diese Wahnsinnigen den Scheiß qua ihres Bandcamp-Accounts kanonisieren würden, aber nichts da, also hole ich dieses Stück Musikgeschichte jetzt nach. Hansa Pils ist am Start. Öffentlichen Äußerungen zufolge ist das letztveröffentlichte Stück das letzte der Platte, also gehen wir davon aus. Tut mir Leid, eigentlich hätte ich längst „Alles brennt“ von Zugezogen Maskulin rezensieren sollen, das bislang mit Abstand beste Album des Jahres, aber die Ratten haben in ihrer beispiellosen Kaputtheit erstmal Priorität.

So without further ado, I’d like to introduce you to:
Nachkriegsratten - RALF! (HQ)
via LarsVaderful

„RALF!“ ist ja bekannt. Ich muss ehrlich gesagt zugeben, dass ich das Lied gar nicht mal so spektakulär finde, sondern es eher gefeiert hatte, weil ich an seiner Entstehung eine Mitschuld trage. Nichtsdestotrotz brettert danach der 40sekündige Schrammelpunker „Ich wünsch euch allen…“ los, in welchem der Ostler zu altbekannten Formen loslegt. Krebswünsche werden hier nicht nur an „Bullen, Richter, Naziwichser“ verteilt, sondern auch an eine große Anzahl an Sternzeichenträgern. Bei „Nichtrauchaaaa… und Antialkoholiker, ihr habt hier nix verlor’n, ich wünsch euch allen Krebs!“ war bei mir der Ofen aus.

„Vodka Mayo, Wodka Ravioli“ ist so ne Art Revolutionsromantik. Kann man mal machen. Vom Ansatz her ähnelt es stark „Nutzlos“ von der Unser Leben für den Müll, das bis dahin mit dieser Köterpunk-auf-der-Straße-Glorifizierung sui generis im Ratten-Oeuvre war. Ich hör mir lieber absurde Geschichten mit mundumschäumten Wutausbrüchen an. Dafür soll die namengebende Trink-/Esscombo laut Aussage der Band „rattastisch gut“ schmecken. Ich wollte es Silvester ausprobieren, aber hatte vergessen, Ravioli zu kaufen.

„Die Ratte trägt ne Matte“ ist ganz catchy, und der Ostler schreit viel rum. Am Ende gibt’s sogar einen Ü50-Schenkelklopfer unterster Schublade. Thematisch interessant, erzählt es doch jetzt die von mir gewünschte Geschichte – Männermanns ausufernde Matte muss ab. Beim letzten einwöchigen Saufabsturz in Trier brabbelte ich immer wieder unkontrolliert Textfetzen dieses Liedes vor mich hin („Hättense ne Idee, ne Idee, ne Idee“, „macht das den Bubenhaarschnitt nicht kaputt?“). Was das über mich aussagt, will ich gar nicht wissen.

„Strick“ rumpelt langsam als eine Melange aus Schweinerock und Rattengeräuschen vor sich hin, eigentlich ziemlich mies, aber am Ende wird „Hia Hua“ gesagt, was den Track auf eine 11/10 anhebt.

Der Rattenbonus macht es meisterhaft, aber ich würde es tatsächlich als ihre bislang schwächste Produktion betrachten. Aber gut, das Album ist ja auch ihr erstes, was uns im Hinblick auf „RALF!“ krasse Zeitreiseskills attestiert. Die Ratten mussten halt noch lernen – von den besten, nämlich sich selbst. Ich hoffe, dass Timo Aster in sämtlichen Social Media unsere geheimen Erkenntnisse über die Ratten verbreitet, und bereits Verschwörungstheorien sich darum ranken. Eins ist sehr möglich, oder wurde besser gesagt nach einem Konzert impliziert: Sehr viele Halbmeteriros und AZ-Gänger haben die Ratten vielleicht schon unter anderem Namen auftreten sehen!

Antilopen Gang: Aversion

November 10, 2014

Wenn ich in den absolut überwältigenden letzten Tagen in Berlin etwas verpasst habe, dann das Konzert der hochgeschätzten Antilopen Gang, die ihre frisch releasete Aversion vorgestellt haben mussten; nun bleibt mir mehr als ein Monat bis ich sie das nächste Mal endlich live sehen kann, was mich aber aufgrund der barocken Epik des SVP-Meetings und dem daraus resultierenden Launeboost, der schlicht und ergreifend nicht von dieser Welt ist, kaum herunterziehen konnte.

Nun ist sie also da, die Aversion, erstes Crewalbum seit der Spastik Desaster, überhaupt erstes Release nach dem postum erschienenen Der Ekelhafte von NMZS (R.I.P.), dessen Andenken in Form eines bescheidenen Shirts auf meinem Oberkörper ich dann doch in eine internationale Community tragen musste. Und da [Koljah’s] „Wunschlabel […] natürlich JKP“ ist, und allen die den zugehörigen News folgen bekannt ist, dass die Antilopen nun dort gelandet sind, und da das Album überall und in den Anti Alles-/antilopenuntypischsten Kanälen und Outlets besprochen wird, bin ich gespannt, wie es nun weitergehen wird.


Hier geht’s lang.

Die Beats sind etwas weniger polternder, und „Die Neue Antilopen Gang“ kotzt im ersten Track direkt sich über jeden Selloutvorwurf mit ihrem gewohnten Rückgradlosigkeitsgehabe aus, präventive Pseudoaffirmation und undifferenziertes Pöbeln sind die Parole. Und gewohnt selbstreferenziell geht es mit „Der goldene Presslufthammer“ weiter, bereits seit einiger Zeit auf YouTube als Musikvideo zu bekommen. Ich könnte jetzt mit absurdem Humor oder Nicht-Humor und Beleidigungen in jegliche Richtung, bevorzugt auf die eigene Hörer*innenschaft, und anderen nur unzureichend deskriptiven Dingen ankommen, aber wer mit den Antilopen vertraut ist, wird sich zu Hause fühlen.

Selbiges gilt auch für „Ikearegal“, in ihrer verbal weit über jedes Ziel rausschießenden Kritik an spießigen Lebensentwürfen in der kapitalistischen Totalität mit der üblichen Antihaltung, die mir nur zu bekannt vorkommt.

„Verliebt“ findet deutliche Worte für Situationen die mir alles andere als unbekannt sind.

„Outlaws“ ist ein wahnsinnig starker Track, der deutlich macht, wor die leider nur noch drei Jungs immer standen. Nicht viel anders verhält es sich mit „Chamäleon 1“, der in ausgesprochen unpeinlicher Art und Weise Normativitätsvorstellungen und die bornierten Hirne ihrer bewussten bis unbewussten Verfechter anspricht, nicht ohne noch ein paar NMZS-Vocal Cuts einzustreuen.

In „Ibiza“ schließlich findet sich ein wahnwitziger Brückenschlag von besinnlicher Untergangsstimmung und Kulturpessimismus zur Resignation auf einen Hardstyle-Beat (!), auf den Panik Panzer am Ende anfängt rumzushouten. An dieser Stelle blieb mir nichts anderes übrig, als laut zu lachen. Während Danger Dan die berühmtesten Worte aus La Haine noch während seiner ersten Zeilen verhackstückt, bietet „Trümmermänner“ größtenteils bekanntes, aber trotzdem okayes für jede*n wer was mit ihrem bisherigen Schaffen anfangen konnte.

„Beate Zschäpe hört U2“ schlägt über die drei Parts einen unwahrscheinlich gut durchkonstruierten Bogen von deutschtümelnder Stammtischhetze zu montagswahnmachenden Verschwörungsideologien (die ihren Ausdruck auch in reichlich „politischem Rap“ von Holger Burner bis zur Bandbreite fanden und finden), in deren Mitte in Paniks Part mörderische Nazigewalt und der Wille zum Pogrom kulminieren. Gerade Koljahs Part findet sehr konzise Worte. „Zu Verschwörungstheorien gehören Vernichtungsfantasien“; „Sie können sagen was sie wollen, sie sind schlicht Antisemiten“ – Word! Wer mag, höre und sehe es hier.

Da bekanntlich „Anti Alles […] eigentlich nach Punkband“ klingt, wird in „Anti Alles Aktion“ auch nicht lange rumgedruckst, sondern direkt in der Hook die ersten Zeilen von Knochenfabriks „Filmriss“ zitiert. So was lässt Leute wie mich breit grinsen, und Danger Dan hätte durchaus als Deutschpunkgröler Potential, während die Jungs sich auf breit bretternden Gitarrenwänden feiern.

Der „Enkeltrick“ soll auf einen unfertigen Track von NMZS zurückgehen. Es klingt ein wenig, als wäre es von einer Danger Dan-Solo-EP. Entspannt und schmunzelwürdig. „Chamäleon 2“ sucht sich ein zweites hypothetisches Fallbeispiel zum ersten Teil, der kein gutes Haar an deutschem Ordnungswahn lässt, das sich manch eine*r immer noch an eine solche Sichtweise herbeihalluzinieren mag.

„Beton“ lässt „Die Natur ist dein Feind“-eske Lines auf eine*n niederregnen, einschließlich einer Zeile („die Wälder und Fluren dieser Welt sind Satans Kirche“) von Danger Dan, die – wenn auch unter ganz anderem Vorzeichen – sehr genau die Worte („Die Natur ist die Kirche von Satan!“) von Grim104 durchdekliniert, auch wenn mir gerade nicht einfallen mag, in welchem ZM-Track diese fielen.

„Déjà-vu“, justantilopenthings. Mit „Unterseeboot“ und dem schwer verdaulichen „Spring“, schließt das Album ab, und findet so traurige wie verständnisvolle Worte, die zeigen, wie präsent NMZS weiterhin ist, und bricht mitten im letzten Satz ab.

Großes Ding. Explizit politischer als das meiste ihres bisherigen Schaffens, aber gut darin, nicht in die so sehr verfluchten Parolen abzugleiten, und ausgesprochen unpeinlich in allem. Eine präzise Beobachtungsgabe, Selbsthass, -mitleid, -kritik, destruktives Rumgekotze, Glorifizierung des eigenen Slackertums, und alles andere was es auch schon immer gab, alles gewohnt etwas holperig rappend mit gar keinem bis dreifachem Boden vorgetragen. Reichlich NMZS-Zitate finden sich hier und dort in diversen Liedern. Ich für meinen Teil freue mich sehr darauf, bald meinem dritten Gig der Jungs dieses Jahr beizuwohnen.

Nachkriegsratten: Die Reaktion

Oktober 24, 2014

In Reaktion auf Timo Asters Drohvideo an die Nachkriegsratten haben diese nun mit einem Lied auf dessen Forderungen geantwortet. Da sie nicht nur Ossis sondern auch Timelords sind, datiert dieses sogar auf das Jahr 1985! Hört und seht selbst, und staunt:

Das R.A.L.F.-Kommando Männermann wird sich bald ebenfalls an die Ratten wenden und zu dieser Veröffentlichung äußern.

Nachkriegsratten: Die Forderungen

September 21, 2014

Als großer Fanboy der Nachkriegsratten – Rezensionen und Direktlinks zur Musik gibt’s hier, hier, hier und hier – muss ich Großes ankündigen. Bereits in meinem Review zur Ostler aus der Tonne erwähnte ich, dass in Zusammenhang mit Mike Strathoff und einer namentlich unbekannten Person die Ratte mit der Mülltonne nachgebaut wurde, um sie Timo Aster zu schenken.

Timo Aster macht das Unmögliche möglich: Zuerst die Nachkriegsratten über das Ding informierend, hat er ihnen nun ein Bekennervideo zukommen lassen, das jede nur mögliche an die Ratten gerichtete Anspielung beinhaltet (und somit für genau 7 Personen auf diesem Planeten von unfassbarer Awesomeness ist), und unter anderem eine Reunion fordert, damit der Ratte nichts geschieht.

Lang gehen tut’s hier. Ich solidarisier mich hier mal mit der R.A.L.F. und fordere Ostler/Culti, Männermann und Co. auf, nichts Dummes zu tun. Als Dank für die Kooperation würde ich ungefähr jedes Konzert besuchen, sowie die Ratten mit reichlich Zwiebeln und Billig Bier versorgen. Nnggaaaaaaa-ohhhhhrrrrr!

Das ist scheiße.

August 10, 2014

Hansa Pils-Tip des Tages: Wenn der S&K-Getränkeschmitt zu hat, bietet es sich an, noch ein Hansa für nach dem wütend machenden Rückweg vor sich zu haben. Das ist – vorübergehend – gut für den Blutdruck, und erst mal eine willkommene Hilfe gegen den Durst.

Weil sie schlecht sind.

Juli 20, 2014

Wenn irgendwelche postpubertären Dorfbauern in ihrem WM-Fieber noch nicht fertig sind und ihre Schlachtgesänge grölen, wenn auf einem großen Partyzelt für alle eine riesige Schlandfahne weht, wenn angesoffene Typen „Dicke Titten, Kartoffelsalat!“ schreiend durch eine Touristenmeile torkeln, ist klar, dass es sich um Deutsche im Urlaub handelt. Eine deutsche Minderheit im Ausland mag schlimmer als die Pest sein, ein Touristenort der Deutsche zieht, ist aber auch nicht ohne.

Nichts setzt dem Ganzen eine größere Krone auf, als auf dem Weg zum Parkplatz zu sein, während zwei alternativblümige Frauen sich unterhalten, und der einzige Gesprächsfetzen, der sich ins Ohr rüberbohrt, lautet „die Juden haben denen den Krieg erklärt“.

Kampmann: „Wem haben die Juden den Krieg erklärt?“
Person X: „Verpiss dich und geh alleine spielen.“

In dem Moment versagen alle Relativierungen, die die Statistik bereithält. Ich fühlte mich mit Grausen an die letzten Absätze dieses sehr lesenswerten Beitrags erinnert. Ein Ende ist nicht in Sicht, sicher jetzt am Wenigsten, wo die Projektion auf den Nahen Osten wieder Wellen schlagen wird wie nur sonst was. Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.