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Nachkriegsratten: Auf einen Kaffee mit Männermann

Juni 22, 2014

Lange fiel es mir nicht auf, dass ich das Schaffen der Nachkriegsratten mal rezensieren könnte. Immerhin bin ich laut Google die zweite (!) Person, die sich jemals mit denen rezensierend beschäftigt hat. Timo Aster entdeckte diese Formation auf einem Tribute-Sampler an die Pestpocken, auf dem die Nachkriegsratten den Track „Soziale Hängematte“ covern und laut ihm behaupten würden, diesen selbst erfunden zu haben, bereits irgendwann in den 80ern im Osten jeglichen Punkschuppen (ich bin mir sicher dass es leicht war unter den Bedingungen Rotzpunk zu spielen, Otze hatte sich die ganzen Undercover-Klamotten bestimmt nur ausgedacht) bespielt zu haben, und generell die ersten gewesen zu sein. Da ich die Pestpocken scheiße und lächerlich finde, und deren Lebenswerk daher nur schemenhaft kenne, würde mich das nicht mal wundern. Gäbe es nicht zig andere Hinweise.

Die Nachkriegsratten hingegen sind leicht zugänglich – jeder ihrer Tracks, mit Ausnahme des Pestpockencovers, ist auf YouTube zu finden – und haben einen beeindruckenden Charme. Ihre Entstehungsgeschichte ist nicht so leicht herauszufinden, laut einem Deutschpunk-Filehoster-Linkblog lautet wohl die offizielle Version, dass die Tiere Mitte der 80er irgendwo in der DDR unterwegs waren, und dass es sich bei der Auf einen Kaffee mit Männermann um ihr erstes Erzeugnis handelt. In jeglichen Kommentarspalten wurden die Nachkriegsratten mit großer Häme überhäuft, und der Vorwurf, dass es sicher keine Ostpunkband aus den 80ern sei, ist sicher nicht ganz unberechtigt („Ich hab mir Stiefel bestellt, im Punkversand!“; „Keinen Cent ham die mir gegeben! Keinen Cent … äh … Ostmark!“; „Hansa Bier, Export Bier, alles Bier!“). Nicht unpassenderweise wurde in einem Plastic Bomb-Review festgestellt, dass es von den bemerkenswert stumpfen Texten her einfach nicht nach Ostpunk klingt. Außerdem sollten sie angeblich mal im AK44 gespielt haben, zumindest stand deren Name auf einem Flyer. Ich bezweifel dass die Ratten außerhalb ihres Studios (Hobbykeller? Garage? Trinkhalle?) jemals existiert haben, denn hätten sie sich im AK44 blicken lassen, hätte garantiert mal jemand über sie berichtet. Und wenn die Nachkriegsratten eins tun, dann im Gedächtnis bleiben. Völliger Wahnsinn ist es, dass ich gerade herausgefunden habe, dass die Nachkriegsratten eine Bandcamp-Seite haben – und sogar EIN NEUES RELEASE beworben wird. Wahnsinn. Noch muss ich mich aber beherrschen, und diesen Post schreiben. Allen Leser*innen empfehle ich den sofortigen Konsum der gesamten Nachkriegsratten-Diskographie.

Musikalisch betrachtet ist die Männermann-EP nicht nur (laut einigen Quellen, nicht jedoch laut der Band selbst) das angebliche Erstlingswerk, sondern bietet sich auch als Einstiegspunkt in die musikalische Welt der Nahrungsmittel- und Trinkhallenschädlinge an. Wer bei dem Namen der Band an eine kaputte Hommage an die Vorkriegsjugend denkt, hat halb Recht, allerdings nur, was die Aufnahmequalität angeht. Wer den Namen als kaputte Hommage an ein Stück Trümmerliteratur, durch das jede*r mal im Deutschunterricht durch musste, versteht, hört wahrscheinlich sonst auch Stimmen aus der Wand. Die Hörer*innenschaft erwartet primitivster Rotzpunk in grauenhafter Aufnahmequalität, es klingt nach einer frühen Rock-o-Rama-Platte, als hätte Egoldt persönlich an den Reglern gestanden bevor er dann doch das große Geld im Rechtsrock entdeckte. Bis auf wenige Ausnahmen – etwa „Hia Hua Holzfällerbär“ – besteht jedes Lied aus immer gleich klingenden penetrant rumrieselnden Gitarrenangriffen, das Schlagzeug kennt nur einen Rhythmus, und Strathoff und ich brauchten zwei vierstündige Autofahrten auf denen wir alle 18 Tracks der Nachkriegsratten rauf und runter hörten, um die Lieder an den ersten Takten – oder auch oft Ansagen – erkennen zu können. Anders als andere Kapellen die für ihre völlige Unfähigkeit milde belächelt werden – die unsäglichen Cotzbrocken seien mal an erster Stelle erwähnt – steigert sich das bei den Nachkriegsratten aber in absoluten Wahnsinn. Der Sänger schreit mit einer unbeschreiblichen Hysterie durch die Gegend, seine Stimme grölt, kreischt und geräuscht sich durch sämtliche Oktaven, wenn er nicht einfach nur seltsame Rattengeräusche macht („Nggaaaaaaaa-oooooohhhh!“), die Intonation hat oft eine gewisse Gollum-Note; diese Töne als „berstig“ zu bezeichnen, wäre ein Kompliment. Nicht weniger beeindruckend sind die kurzen Momente in denen der so genannte Männermann zu Wort kommt, so etwa auch im Titeltrack der vorliegenden „Platte“. Timo Aster hatte außerdem das Coverartwork ihres Dritt- und Letztwerks – die Ostler aus der Tonne immer so interpretiert, dass das eigentlich eine Selbstbeschreibung des Sängers ist. Laut Facebook firmiert der kreischfreudige Ossi unter dem Spitznamen Culti, doch wenn es unter all diesen Ostlern aus der Tonne den einen Ostler aus der Tonne gibt, dann ist ohne Frage er das. Also wird der Gesang vom Ostler und Männermann getragen; letzterer „spielt“ zudem Gitarre. An Schlagzeug und Bass sitzen bzw. stehen liegen nicht minder illustre Gestalten: Rumpel-Ronny respektive Weiberpenis bedienen diese Instrumente und verbreiten zusätzlichen Alkohol-, Tabak-, Müll-, Schweiß-, Kotz- und Bierfurzgeruch.

Das Coverartwork der Auf einen Kaffee mit Männermann ist schlicht, aber typisch:

Creative Commons BY-NC-SA 3.0 Nachkriegsratten

Eine hässliche Bleistiftzeichnung, bei der biersaufenden Ratte, die dem mutmaßlichen Groupie einen Ficker zeigt, handelt es sich vermutlich um Männermann. Ein Stilelement, das sich auch auf den beiden nachfolgenden Platten wiederfindet, ist die Verwendung von Bierdosen in der Zeichnung, auf denen „Bier“ draufsteht.

Beim Ersttrack handelt es sich um „Rumziehn“ – bereits in den ersten Akkorden poltert der Ostler aus der Tonne und ins Mikro, auch der Männermann kommt mit seinem Trademark-Satz (ein debil ausgesprochenes „Ja?“) gleich zweimal zu Wort. Der Song bietet alles an, was die Nachkriegsratten ausmacht: Ein wütend-sturzblödes Intro, ewig gleich polternder Midtempo-Rumpelpunk, eine dauernd ausrutschende Stimme, düdelige Gitarrensolos, und ein wütend-sturzblödes Outro, in dem der Ostler noch mal irgendwas wütend klingend sollendes ins Mikro jauchzt. Alleinstellungsmerkmal des Liedes ist ganz klar das gewandte Wortspiel („Wie Sinti und Roma, nur ständig im Koma ziehen wir Rum, ja wir ziehen Rum! […] Komm lass uns rumziehn/Rum ziehen“ ad infinitum vel nauseam).

Im direkt darauf folgenden „Das geht mir auf den Senkel“ teilt der Ostler aus der Tonne mit dem Zuhörer seine Wut: In einem Spoken Word-Intro erzählt er, er habe Stiefel im Punkversand bestellt, aber durch seine Besoffenheit „eine Null zu viel gemacht“, wodurch er jetzt „Hundertlochstiefel“ habe. Das sähe „total scheiße aus“, weshalb er sich wütend fast anderthalb Minuten lang darüber aufregt. „Das geht mir auf den Senkel“ ist leider eines der meiner Meinung nach schlechteren Liedern, lediglich die gestörten Schreie am Ende („Einloch, Zweiloch, Dreiloch, Arschloch! Arschloch! Arschloch!“) und das wohl heftigste, animalischste Rattengeräusch das der Typ jemals aus seinem verwesenden Bierleichnam ausgestoßen hat („Ngggggaaaaaoohhhhh!“) reißen wieder einiges raus.

Das simpel betitelte „Nachkriegsratten“ besteht aus penetrantem Gebolze, in dem der Ostler aus der Tonne die Band mit Reim-dich-sonst-Randale-Lyrik beschreibt („Wer trinkt schneller als sein Schatten? Raaaahhhhrrrr Nachkriegsratten! […] Wie ein Fahrrad mit zwei Platten: Hahaha, die Nachkriegsratten!“). Für mich eher ein Tiefpunkt ihrer Karriere. Obwohl Timo Aster vermutlich Recht hat, dass der Ostler hier mehrmals „Anarchie und Chaos, denn wir sind verrückt!“ schreit, klingt es sehr stark nach „Anarchie und Gas“. Was irgendwie lustig ist, da die Kombination aus Vollsuff, Danebenbenehmen und Ausdünstungen, die ja manchmal großen Spaß macht, seitdem von mir öfter als „Anarchie und Gas“ bezeichnet wird.

Doch damit nicht genug: Im titelgebenden „Auf einen Kaffee mit Männermann“ erzählt der Ostler aus der Tonne, dass sich zwar auf eben genau das „all die Damen [freuen], doch Männermann, der trinkt nur Bier, da kennt er kein Erbarmen.“ Diese Zeile wird ein paar mal in langsam und schnell wiederholt (Zonenpunkreferenz?). Ein Teufelskerl, dieser Männermann: Ausgangspunkt ist ein kurzes Intro, in dem ein Fangirl der Band wohl mit libidinösen Hintergedanken ihn auf einen Kaffee einlädt, dieser aber schlägt das Angebot mit einem „Näää, kommt nicht in die Tüte!“ in seiner unmotivierten Quengelstimme aus. „Det isser also, der feine Herr Männermann“, wird die Dame etwas resigniert am Ende feststellen.

Heiliges Alkoholdelir, Männermann! Das folgende Lied mit dem Titel „ADMMMMDKWUN“ (suggested pronounciation: a:de:ʔɛmʔɛmʔɛmʔɛmde:kvun*) beschreibt, dass der Ostler sich auf dem Markt mit Männermann nichts kauft. Dabei beschreibt er mit lauter Krakeelstimme interessante Details („Flundern, Zander, Aale, Welse, oder tote Putenhälse […] inner Pfanne hört man’s brutzeln, Zipfelwürste zum dran zutzeln!“), und regt sich in den letzten Momenten fürchterlich darüber auf, dass jemand vor seiner Nase ihm tatsächlich den letzten Oktopus weggekauft habe. Großes Kino.

Laut Bandcamp schließt das Album – zumindest das jetzige Re-Release (ich schaffe es tatsächlich das so zu bezeichnen, ohne mich totzulachen – langer NKR-Konsum härtet ab) – mit dem Pestpockencover „Soziale Hängematte“ ab. Lustiges Lied, es geht um Faulsein und Arbeitsverweigerung, und das schöne Leben dank (Proto-)Hartz (zu Zeiten von „Birne“ Kohl auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs). Zwischendurch kommt sogar der Männermann nochmal zu Wort („Ja!“), danach ist es zu Ende. In jeglicher Hinsicht. 11/10. Für immer eine Nachkriegsratte!

 

* Cite this as:

Kampmann, M. (2012). Nachkriegsratten: Auf einen Kaffee mit Männermann. the lay of kampmann 22-Jun-2014a. Accessed online at https://tollimpreispilsener.wordpress.com/2014/06/22/nachkriegsratten-auf-einen-kaffee-mit-mannermann/.

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