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Nachkriegsratten: Unser Leben für den Müll

Juni 22, 2014

Vorsicht: Das Verständnis dieser beiden Blogposts ist zwingend nötig.

Teil 3 des Nachkriegsratten-Rezensathons befasst sich mit Unser Leben für den Müll, ihrem meiner Ansicht nach gelungensten Werk, das sie eindeutig, wenn schon nicht zum Loriot, so doch zum Splinter des Ungezieferpunks erhoben hat:

Creative Commons BY-NC-SA 3.0 Nachkriegsratten

Tatsächlich haben sich auf diese Scheibe ganze 9 Lieder verirrt, und der Rock-o-Rama-artige Knistersound ist noch einen hör- und spürbaren Schlag minderwertiger als bei den anderen Erzeugnissen. Mag dran liegen dass die Unser Leben für den Müll tatsächlich als erste, und nicht, wie im Internet gemunkelt wurde, letzte Scheibe rauskam (also spätestens 1986, um den Mythos weiterzuspinnen). Ein Argument dafür, dass sie zumindest vor der Ostler aus der Tonne erschien: Auf ihr erscheinen die ersten und einzigen beiden Lieder, in denen die Worte „Hia Hua“ fallen, und der Verfasser verweist hier auf den Hia-Hua-Tag auf dem Ostler-Cover. Tatsächlich behauptet die Band auf ihrer Bandcamp-Seite implizit, dass es ihr erstes Album war. Mich irritierte zuerst dass das Album dort als Unser statt *Mein Leben für den Müll aufgeführt ist, obwohl mir als beinhartem Nachkriegsratten-Aficionado klar war, dass letztere Worte auf dem Cover stehen und der entsprechende Ordner auf meinem Rechner auch so heißt. Ich würde mich über ein Fanforum freuen, wo ich lange und ausgiebig drüber diskutieren könnte, aber so was scheint es ja nur bei Prollrock mit rechtsneigender Fanbase zu geben.

Dabei beginnt das Album mit „Gassenhaue“, in dem der Ostler immer wieder betont, dass „ACAB“ ein großartiger Slogan sei, „so genial wie nie“. Zwischendurch werden noch Kenny McCormick-eske Nuschelgeräusche gemacht. Der Rückgriff auf „lieber Geräusche mit dem Mund machen als Wörter“, das Regredieren ins Tierreich, macht die Nachkriegsratten groß.

„Faust“ hingegen kann nix, obwohl der Ostler während des Lieds mit gut gemeinten Anweisungen den Rest der Band rumdirigiert. Dafür endet es mit einem Gollum-artigen Tiergeräusch („Gaaah!“).

Völlig überzeugen tut hingegen „Ich glaub ich geh kaputt“. Dieses Lied hat alles, was ein Nachkriegsratten-Song braucht: Der Ostler leitet es mit einem wahnsinnszitternden Schreikrampf über seine Situation ein („Humpapa, humpapa, trallalalala, los spiel Mann, spiel!!! Yeah! Saufen is geil!“). Der Refrain ist nicht von dieser Welt („Ich glaub ich geh kaputt, wie sieht’s aus, kommste mit? Es ist schon wieder alles so verzerrt! Wenn mir einer sagt ‚Du bist besoffen wie die Sau‘, dann liegt er damit meistens nicht verkehrt!“), karnevaleskes Gelalle („Lalalala lalalalala, lalalalalalaaa… Punk!“) und dezente Hinweise an den Rest der Band („Mach nomma Refräng hier!“) komplettieren es zu einem der größten Nachkriegsratten-Lieder. Hundertprozentiger Wiedererkennungswert.

Ähnlich ohrwurmhaft, aber eher formelhaft, ist der so genannte „Herpes-Song“. Hier erklärt der Ostler aus der Tonne, dass alle Herpes haben, er aber nicht. Dieses „alle“ umfasst unter anderem das Arbeitsamt, den Sacharbeiter, die Polizei („Bullen ham Herpes, scheiß Bullen Herpes, alle haben Herpes, nur ich nich!“), Nazis insgesamt, Adolf Hitler, irgendwen dessen Namen ich nicht verstehe, und Joseph Goebbels. Das rumpelt in billigster Suffpunkmanier gute anderthalb Minuten den geneigten Hörer*innen entgegen, das Outro eingeschlossen, in dem Gegen-Nazis-Parolen („antifaschistisch“ wär an dieser Stelle etwas hochgegriffen) rumgegrölzt werden.

Der absolute Wahnsinn hingegen ist „Billig Bier“. Wie hier der Ostler seine Stimme verzerrt, muss mensch gehört haben. Andere Leute wundern sich über extremes Growlen, Schreien, oder Sopranstimmen. Aber die sind ja konstant. Das hier hingegen ist völlig sich überschlagendes Kreischen und Grunzen, das tatsächlich eher nach nichtmenschlichem Tier und nicht nach Ossi klingt. Thematisch betiert der Ostler die Tatsache, dass sein Klo vom vielen Saufen übel zugeschissen sei (verblüffend, dass es in die Tonne passt…), und außerdem schreit er oft „Billigbier!“ ins Mikro. Eine Achterbahnfahrt der Hörnerven, nichts für Anfänger.

Mit dem nachfolgenden Lied „Toast mit Margarine“ werde ich nicht ganz warm, obwohl hier der Männermann sein erstes Feature auf die Platte nölt („Ja?“). Der Ostler läuft hier zu Tiergeräuschhöchstformen auf („Wüöh!“; „Graaaahhh! Graaaahhhh! Graaaaaaa-hahhh!“), und stänkert sich ansonsten Dinge von der zerlöcherten Leber, die ich mit der Thematik des Liedes nicht in Einklang bringen kann („Gettysburg, Gettysburg, ich hasse euch zutiefst!“). Standesgemäß-antiamerikanischer Deutschpunk der 80er klang anders, hier will ich daher den Ratten nichts Böses unterstellen.

„Kleptomäniäc“ ist mein absolutes Lieblingslied. Es hat alles, die Stimme des Ostlers überschlägt sich in völligen Sméagol-mein-Schatz-Irrsinn, als wäre der Geist von Andy Serkis höchstselbst in seine ranzige Schnapsleiche gefahren (beim dritten „ich klau mir was ich brauche“ am extremsten zu hören), die bedeutsamen Worte des Hia Hua fallen erstmals („Hia! Hua! Hiia Huuua! Hwa-wa-waaaaaaaaaaa!“). Außerdem geht es darum, dass er alles klaut und daher kein Geld besitzen will, schließlich sei ihm Geld egal, da er nur was zum Saufen brauche. Und sein Saufen klaut er wenigstens als aufrechte Zecke. Das ist wenigstens noch eine konkrete Utopie, und ein Lebensentwurf, der mir sympathisch ist.

Ich weiß, dass Mike Strathoff den darauf folgenden „Nutzlos“ eher scheiße findet. Tatsächlich ist er sehr anders, da er eher langsamere Töne und weniger Dilettanz an den Tag legt. Der Ostler bezeichnet sich, back to the roots, als nutzloses Element der „Gesellschaft“, und vergleicht sich mit diversen Tieren – genau gesagt zwei Säugetiertaxa, „der“ Ratte und dem Köter. Ich finde das Lied auch nicht berauschend, aber die Nachkriegsratten haben schon sehr viel schlechteres (mensch erinnere sich mit Grausen an die ersten beiden Tracks der Unser Leben für den Müll, oder das hart versiebte „Antinationale Randale“) verbrochen.

Das Ende ist der mythische „Hia Hua Holzfällerbär“. Jeder Mensch sollte es mal auf YouTube sich zu Gemüt geführt haben. Gleichzeitig ist es das einzige Lied mit cleanem Gesang. Ein echter Tausendsassa, dieser Ostler aus der Tonne.

Ich habe diese singulär beschissene Fakeband wochenlang täglich gehört, kann die Kraweelgeräusche mittlerweile auswendig, und ihr Konsum, vor allem verkatert und restalkoholisiert, macht eine*n spürbar blöd. Ich kann’s nur empfehlen. Strathoff und ich haben mehrstündige Autofahrten nichts anderes gehört, und leben immer noch, Sozialfälle waren wir schon vorher. Einige der Zeilen sind geflügelte Worte und Geräusche in meinem Wortschatz geworden. Hören Sie die Musik der Nachkriegsratten, denn sie ist sehr gut!

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