Skip to content

Antilopen Gang: Aversion

November 10, 2014

Wenn ich in den absolut überwältigenden letzten Tagen in Berlin etwas verpasst habe, dann das Konzert der hochgeschätzten Antilopen Gang, die ihre frisch releasete Aversion vorgestellt haben mussten; nun bleibt mir mehr als ein Monat bis ich sie das nächste Mal endlich live sehen kann, was mich aber aufgrund der barocken Epik des SVP-Meetings und dem daraus resultierenden Launeboost, der schlicht und ergreifend nicht von dieser Welt ist, kaum herunterziehen konnte.

Nun ist sie also da, die Aversion, erstes Crewalbum seit der Spastik Desaster, überhaupt erstes Release nach dem postum erschienenen Der Ekelhafte von NMZS (R.I.P.), dessen Andenken in Form eines bescheidenen Shirts auf meinem Oberkörper ich dann doch in eine internationale Community tragen musste. Und da [Koljah’s] „Wunschlabel […] natürlich JKP“ ist, und allen die den zugehörigen News folgen bekannt ist, dass die Antilopen nun dort gelandet sind, und da das Album überall und in den Anti Alles-/antilopenuntypischsten Kanälen und Outlets besprochen wird, bin ich gespannt, wie es nun weitergehen wird.


Hier geht’s lang.

Die Beats sind etwas weniger polternder, und „Die Neue Antilopen Gang“ kotzt im ersten Track direkt sich über jeden Selloutvorwurf mit ihrem gewohnten Rückgradlosigkeitsgehabe aus, präventive Pseudoaffirmation und undifferenziertes Pöbeln sind die Parole. Und gewohnt selbstreferenziell geht es mit „Der goldene Presslufthammer“ weiter, bereits seit einiger Zeit auf YouTube als Musikvideo zu bekommen. Ich könnte jetzt mit absurdem Humor oder Nicht-Humor und Beleidigungen in jegliche Richtung, bevorzugt auf die eigene Hörer*innenschaft, und anderen nur unzureichend deskriptiven Dingen ankommen, aber wer mit den Antilopen vertraut ist, wird sich zu Hause fühlen.

Selbiges gilt auch für „Ikearegal“, in ihrer verbal weit über jedes Ziel rausschießenden Kritik an spießigen Lebensentwürfen in der kapitalistischen Totalität mit der üblichen Antihaltung, die mir nur zu bekannt vorkommt.

„Verliebt“ findet deutliche Worte für Situationen die mir alles andere als unbekannt sind.

„Outlaws“ ist ein wahnsinnig starker Track, der deutlich macht, wor die leider nur noch drei Jungs immer standen. Nicht viel anders verhält es sich mit „Chamäleon 1“, der in ausgesprochen unpeinlicher Art und Weise Normativitätsvorstellungen und die bornierten Hirne ihrer bewussten bis unbewussten Verfechter anspricht, nicht ohne noch ein paar NMZS-Vocal Cuts einzustreuen.

In „Ibiza“ schließlich findet sich ein wahnwitziger Brückenschlag von besinnlicher Untergangsstimmung und Kulturpessimismus zur Resignation auf einen Hardstyle-Beat (!), auf den Panik Panzer am Ende anfängt rumzushouten. An dieser Stelle blieb mir nichts anderes übrig, als laut zu lachen. Während Danger Dan die berühmtesten Worte aus La Haine noch während seiner ersten Zeilen verhackstückt, bietet „Trümmermänner“ größtenteils bekanntes, aber trotzdem okayes für jede*n wer was mit ihrem bisherigen Schaffen anfangen konnte.

„Beate Zschäpe hört U2“ schlägt über die drei Parts einen unwahrscheinlich gut durchkonstruierten Bogen von deutschtümelnder Stammtischhetze zu montagswahnmachenden Verschwörungsideologien (die ihren Ausdruck auch in reichlich „politischem Rap“ von Holger Burner bis zur Bandbreite fanden und finden), in deren Mitte in Paniks Part mörderische Nazigewalt und der Wille zum Pogrom kulminieren. Gerade Koljahs Part findet sehr konzise Worte. „Zu Verschwörungstheorien gehören Vernichtungsfantasien“; „Sie können sagen was sie wollen, sie sind schlicht Antisemiten“ – Word! Wer mag, höre und sehe es hier.

Da bekanntlich „Anti Alles […] eigentlich nach Punkband“ klingt, wird in „Anti Alles Aktion“ auch nicht lange rumgedruckst, sondern direkt in der Hook die ersten Zeilen von Knochenfabriks „Filmriss“ zitiert. So was lässt Leute wie mich breit grinsen, und Danger Dan hätte durchaus als Deutschpunkgröler Potential, während die Jungs sich auf breit bretternden Gitarrenwänden feiern.

Der „Enkeltrick“ soll auf einen unfertigen Track von NMZS zurückgehen. Es klingt ein wenig, als wäre es von einer Danger Dan-Solo-EP. Entspannt und schmunzelwürdig. „Chamäleon 2“ sucht sich ein zweites hypothetisches Fallbeispiel zum ersten Teil, der kein gutes Haar an deutschem Ordnungswahn lässt, das sich manch eine*r immer noch an eine solche Sichtweise herbeihalluzinieren mag.

„Beton“ lässt „Die Natur ist dein Feind“-eske Lines auf eine*n niederregnen, einschließlich einer Zeile („die Wälder und Fluren dieser Welt sind Satans Kirche“) von Danger Dan, die – wenn auch unter ganz anderem Vorzeichen – sehr genau die Worte („Die Natur ist die Kirche von Satan!“) von Grim104 durchdekliniert, auch wenn mir gerade nicht einfallen mag, in welchem ZM-Track diese fielen.

„Déjà-vu“, justantilopenthings. Mit „Unterseeboot“ und dem schwer verdaulichen „Spring“, schließt das Album ab, und findet so traurige wie verständnisvolle Worte, die zeigen, wie präsent NMZS weiterhin ist, und bricht mitten im letzten Satz ab.

Großes Ding. Explizit politischer als das meiste ihres bisherigen Schaffens, aber gut darin, nicht in die so sehr verfluchten Parolen abzugleiten, und ausgesprochen unpeinlich in allem. Eine präzise Beobachtungsgabe, Selbsthass, -mitleid, -kritik, destruktives Rumgekotze, Glorifizierung des eigenen Slackertums, und alles andere was es auch schon immer gab, alles gewohnt etwas holperig rappend mit gar keinem bis dreifachem Boden vorgetragen. Reichlich NMZS-Zitate finden sich hier und dort in diversen Liedern. Ich für meinen Teil freue mich sehr darauf, bald meinem dritten Gig der Jungs dieses Jahr beizuwohnen.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: