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Penner Rock vs. Pennaraptora

Juli 3, 2014

Beschissene Wortspiele des Tages.

Definition of Pennaraptora: The clade including Oviraptorosauria and Paraves has not yet been named. Since several recent analyses (including the current analysis) have found support for a topology in which these clades form sister taxa to the exclusion of therizinosaurs within Maniraptora, and given that this clade is important for the understanding of feather evolution, it seems plausible to propose a name for this clade. Thus, we suggest the name Pennaraptora (from Latin, penna, contour feather, and raptor, robber) for the clade including Oviraptor philoceratops, Deinonychus antirrhopus and Passer domesticus and all descendants of their most recent common ancestor. Although we are aware that the origin of pennaceous feathers might go back further in theropod phylogeny, we chose this name to emphasize that this is the clade for which we currently know with certainty that pennaceous feathers were present.

… sprachen Foth et al. (2014). Der erste Satz stimmt natürlich nicht, wie jeder weiß, dem Martyniuk’s (2012) Definition von Chuniaoae ein Begriff ist, aber Penner Rock fetzt.

Eins! Eins! Eins, eins, eins, eins!

Mensch kann es nicht zu oft betonen.

Foth, C.; Tischlinger, H.; Rauhut, O. W. M. (2014). New specimen of Archaeopteryx provides insights into the evolution of pennaceous feathers. Nature 511: 79–82 (03 July 2014). doi:10.1038/nature13467
Martyniuk, M. P. (2012). A Field Guide to Mesozoic Birds and Other Winged Dinosaurs. Pan Aves Publishing, Vernon. 194 pp.

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Aus gegebenem Anlass:

Juni 24, 2014

Auf ein Vorrundenaus zu hoffen ist wohl ein wenig anachronistisch mittlerweile, aber immerhin gibt es einen Sampler genau dazu hier runterzuladen. Danke an Kotzendes Einhorn für die Information. Teils ein wenig pubertär, das Ganze, aber der Wille zählt.

Die deutsche 11 wäre mir eigentlich ziemlich egal, sofern ihr Tun nicht in einem größeren Kontext stünde. Das mit den Fans hingegen ist wie immer. Grausig. Hilft praktisch nur das Haus nicht verlassen wenn’s mal wieder so weit ist.

PS: Als ich ein kleiner Junge war, wär da noch fast ausschließlich Deutschpunk draufgewesen. Dafür haut bereits der dritte Track Samples aus unter anderem Sinnlos im Weltraum (!) den geneigten Vaterlandsverräter*innen um die Ohren.

PPS: Besonders interessant hört sich der letzte („Was wir an Deutschland lieben“) 😀

Nachkriegsratten: Alles voll Tentakel

Juni 22, 2014

Wie ich berichtete, fand ich auf dem Bandcamp-Account der Nachkriegsratten ein gottverdammtes neues Album. Für mich so etwas wie Weihnachten und Geburtstag zusammen, oder die besten Autofahrten mit Strathoff, oder beim Hansa Pils-Trinken einen geblasen kriegen, oder Tianyulong. Die letzte Stunde oder so wahrte ich meine Contenance und besprach detailliert die drei mir bekannten Platten (hier verlinkt in chronologischer Reihenfolge; gibt derbe Pingback auf dem Blog und gaukelt nichtsahnenden Leser*innen vor, dass hier tatsächlich Menschen Kommentare schreiben), rief Strathoff über Handy an um ihn in völliger Aufgekratztheit auf die Alles voll Tentakel aufmerksam zu machen. Der war von der Sensation anscheinend ähnlich begeistert und führte sich das Werk sofort zu Gemüte. Also, hiermit die weltweit erste Rezension des neuen Albums Alles voll Tentakel! Aufgenommen 1986, versteht sich.

Creative Commons BY-NC-SA 3.0 Nachkriegsratten

„Experimentell“ wäre wohl das richtige Wort für dieses Coverartwork: Kein Stinkefinger, keine „Bier“-Dose, dafür Tentakel. Und kaum schmeiße ich das Album an, folgt auch schon der erste Lachkrampf. Schnallt euch fest an, der Ostler ist erneut seiner heimischen Tonne entstiegen und hat seine Spießgesellen Männermann, Weiberpenis und Rumpel-Ronny samt einer Kiste Billigbier pro Mann direkt mit ins Rampenlicht gezerrt!

Im gewagt betitelten „Wör höt dös geklöööbt?“ kotzt der Ostler unvermittelt ins Mikro, regt sich darüber auf dass sich ein Zettel auf seine Wange verirrt habe (es kann auch ne Zecke gewesen sein, er brüllt etwas undeutlich), und beschließt, dagegen eine Bierdusche zu nehmen. Um die Zeit im Proberaum nicht sinnlos zu vergeuden, wird der Männermann zum „Singen“ verdonnert, und mensch hört ihn zum ersten Mal mehr als sechs Worte sagen! Meine Güte, ich bin beeindruckt. Im Vorbeigehen lässt der Ostler es sich nicht nehmen, noch Rumpel-Ronny als Deppen zu beleidigen. Als das Lied ausläuft und meine Lachtränen getrocknet sind, bin ich beruhigt, da der Ostler seine reinigende Bierdusche zu dem Zeitpunkt bereits hinter sich hat. Geschichten aus dem Leben, sogar mit Auflösung innerhalb von 95 Sekunden. Kathartisch. Obwohl meine Gliedmaßen von den beiden letzten Hansatagen noch hin und wieder taub werden, fliege ich geistig auf Wolke Sieben und will unverzüglich saufen zu der Musik. Glücklicherweise für meinen Körper passiert das aber nicht.

Lied Numero Zwo, „Vergiften“, hat teilweise politische Ambitionen. Der Ostler benutzt hier erstmals Fremdworte. Aber zu Recht: Denn wenn Knorkator ganze Lieder mit „-en“-Reimen hinkriegen, können die Nachkriegsratten das mit „-ie“-Reimen. Zumindest stell ich mir den Gedankengang dahinter so vor.

Das titelgebende „Tentakel“ schlägt sogar eine Verbindung zurück zur Auf einen Kaffee mit Männermann. Selbstreferenziell wie die Nachkriegsratten sind, wird hier das Thema Oktopoden erneut aufgegriffen. War es auf dem Markt mit Männermann noch ein Typ Heini, der dem Ostler den letzten Oktopus vor der Nase wegkauft, gibt es das Tier hier sogar lebend: Am Beginn des Liedes erzählt der Ostler, er sei im Zoo gewesen „weil die mich zum Arbeiten gezwungen ham“, und er sei in ein Oktopusbecken gefallen. Ein Gorilla, eine Banane, und sogar ein Delphin kommen auch vor, aber die meiste Spielzeit geht für die Beschreibungen von Oktopus-Tentakeln drauf. Interessant: In den ersten Sekunden erinnert mich die Stimme des Ostlers gar ein wenig an die vom Käptn, Sänger und Frontmann der legendären Komasaufpunk- ersten und einzigen Penner Rock[sic!]-Kapelle Kommando Vollsaufen („Eins! Eins! Eins, eins, eins, eins!“), die mit ihren Veröffentlichungen Penner Rock Attacke und Wir sind die Zukunft Mitte der Nullerjahre für Begeisterung sorgten.

„Ich hatte gestern Nacht als ich besoffen war in die Mülltonne gekotzt, und heute kuck ich rein, will weiteressen, da war das alles aufgefressen…“ Mit diesen Grölgeräuschen beginnt das vierte und letzte Lied, „Erich-Ulrich-Plautzerich“, das musikalisch sich sehr von dem Rumpelsound der meisten Tracks distanziert und sogar ein wenig Fat Wreck-Melodycore-Charme versprüht, ungefähr zwei Sekunden lang. Außerdem mag man aufgrund des Namens erst dran denken, dass es um DDR-Politisches geht, ist aber nich. Die Reime sind großes Tennis („Wohin verschwinden all die guten Sachen vom Tisch / den Truthahn, die Sülze, der Biiienenstich / der frisst alles auf, das gibt’s ja gar nich / und die Nachkriegsraaaten bleiben hungrich!“). Major spoilers ahead: Plautzerich mag gar keine Ravioli.

Wahnsinn. Ich kann’s nur feiern. Auch ist die Stimme des Ostlers aus der Tonne etwas „normaler“ geworden, wenn er nicht gerade wieder einen seiner cholerischen Anfälle erleidet. Ich hab ein kindliches Grinsen im Gesicht und bin hellauf begeistert.

Nachtrag: Ich habe das Album jetzt fünfmal hintereinander am Stück gehört, und mein Wunsch wird immer stärker, eine Nachkriegsratten-Coverband zu gründen. Vielleicht nicht so rund wie die Unser Leben für den Müll, aber es ist schön zu sehen, dass da noch mehr kommt. In diesem Sinne: Ein dreifach kräftiges Hia Hua!

Nachkriegsratten: Unser Leben für den Müll

Juni 22, 2014

Vorsicht: Das Verständnis dieser beiden Blogposts ist zwingend nötig.

Teil 3 des Nachkriegsratten-Rezensathons befasst sich mit Unser Leben für den Müll, ihrem meiner Ansicht nach gelungensten Werk, das sie eindeutig, wenn schon nicht zum Loriot, so doch zum Splinter des Ungezieferpunks erhoben hat:

Creative Commons BY-NC-SA 3.0 Nachkriegsratten

Tatsächlich haben sich auf diese Scheibe ganze 9 Lieder verirrt, und der Rock-o-Rama-artige Knistersound ist noch einen hör- und spürbaren Schlag minderwertiger als bei den anderen Erzeugnissen. Mag dran liegen dass die Unser Leben für den Müll tatsächlich als erste, und nicht, wie im Internet gemunkelt wurde, letzte Scheibe rauskam (also spätestens 1986, um den Mythos weiterzuspinnen). Ein Argument dafür, dass sie zumindest vor der Ostler aus der Tonne erschien: Auf ihr erscheinen die ersten und einzigen beiden Lieder, in denen die Worte „Hia Hua“ fallen, und der Verfasser verweist hier auf den Hia-Hua-Tag auf dem Ostler-Cover. Tatsächlich behauptet die Band auf ihrer Bandcamp-Seite implizit, dass es ihr erstes Album war. Mich irritierte zuerst dass das Album dort als Unser statt *Mein Leben für den Müll aufgeführt ist, obwohl mir als beinhartem Nachkriegsratten-Aficionado klar war, dass letztere Worte auf dem Cover stehen und der entsprechende Ordner auf meinem Rechner auch so heißt. Ich würde mich über ein Fanforum freuen, wo ich lange und ausgiebig drüber diskutieren könnte, aber so was scheint es ja nur bei Prollrock mit rechtsneigender Fanbase zu geben.

Dabei beginnt das Album mit „Gassenhaue“, in dem der Ostler immer wieder betont, dass „ACAB“ ein großartiger Slogan sei, „so genial wie nie“. Zwischendurch werden noch Kenny McCormick-eske Nuschelgeräusche gemacht. Der Rückgriff auf „lieber Geräusche mit dem Mund machen als Wörter“, das Regredieren ins Tierreich, macht die Nachkriegsratten groß.

„Faust“ hingegen kann nix, obwohl der Ostler während des Lieds mit gut gemeinten Anweisungen den Rest der Band rumdirigiert. Dafür endet es mit einem Gollum-artigen Tiergeräusch („Gaaah!“).

Völlig überzeugen tut hingegen „Ich glaub ich geh kaputt“. Dieses Lied hat alles, was ein Nachkriegsratten-Song braucht: Der Ostler leitet es mit einem wahnsinnszitternden Schreikrampf über seine Situation ein („Humpapa, humpapa, trallalalala, los spiel Mann, spiel!!! Yeah! Saufen is geil!“). Der Refrain ist nicht von dieser Welt („Ich glaub ich geh kaputt, wie sieht’s aus, kommste mit? Es ist schon wieder alles so verzerrt! Wenn mir einer sagt ‚Du bist besoffen wie die Sau‘, dann liegt er damit meistens nicht verkehrt!“), karnevaleskes Gelalle („Lalalala lalalalala, lalalalalalaaa… Punk!“) und dezente Hinweise an den Rest der Band („Mach nomma Refräng hier!“) komplettieren es zu einem der größten Nachkriegsratten-Lieder. Hundertprozentiger Wiedererkennungswert.

Ähnlich ohrwurmhaft, aber eher formelhaft, ist der so genannte „Herpes-Song“. Hier erklärt der Ostler aus der Tonne, dass alle Herpes haben, er aber nicht. Dieses „alle“ umfasst unter anderem das Arbeitsamt, den Sacharbeiter, die Polizei („Bullen ham Herpes, scheiß Bullen Herpes, alle haben Herpes, nur ich nich!“), Nazis insgesamt, Adolf Hitler, irgendwen dessen Namen ich nicht verstehe, und Joseph Goebbels. Das rumpelt in billigster Suffpunkmanier gute anderthalb Minuten den geneigten Hörer*innen entgegen, das Outro eingeschlossen, in dem Gegen-Nazis-Parolen („antifaschistisch“ wär an dieser Stelle etwas hochgegriffen) rumgegrölzt werden.

Der absolute Wahnsinn hingegen ist „Billig Bier“. Wie hier der Ostler seine Stimme verzerrt, muss mensch gehört haben. Andere Leute wundern sich über extremes Growlen, Schreien, oder Sopranstimmen. Aber die sind ja konstant. Das hier hingegen ist völlig sich überschlagendes Kreischen und Grunzen, das tatsächlich eher nach nichtmenschlichem Tier und nicht nach Ossi klingt. Thematisch betiert der Ostler die Tatsache, dass sein Klo vom vielen Saufen übel zugeschissen sei (verblüffend, dass es in die Tonne passt…), und außerdem schreit er oft „Billigbier!“ ins Mikro. Eine Achterbahnfahrt der Hörnerven, nichts für Anfänger.

Mit dem nachfolgenden Lied „Toast mit Margarine“ werde ich nicht ganz warm, obwohl hier der Männermann sein erstes Feature auf die Platte nölt („Ja?“). Der Ostler läuft hier zu Tiergeräuschhöchstformen auf („Wüöh!“; „Graaaahhh! Graaaahhhh! Graaaaaaa-hahhh!“), und stänkert sich ansonsten Dinge von der zerlöcherten Leber, die ich mit der Thematik des Liedes nicht in Einklang bringen kann („Gettysburg, Gettysburg, ich hasse euch zutiefst!“). Standesgemäß-antiamerikanischer Deutschpunk der 80er klang anders, hier will ich daher den Ratten nichts Böses unterstellen.

„Kleptomäniäc“ ist mein absolutes Lieblingslied. Es hat alles, die Stimme des Ostlers überschlägt sich in völligen Sméagol-mein-Schatz-Irrsinn, als wäre der Geist von Andy Serkis höchstselbst in seine ranzige Schnapsleiche gefahren (beim dritten „ich klau mir was ich brauche“ am extremsten zu hören), die bedeutsamen Worte des Hia Hua fallen erstmals („Hia! Hua! Hiia Huuua! Hwa-wa-waaaaaaaaaaa!“). Außerdem geht es darum, dass er alles klaut und daher kein Geld besitzen will, schließlich sei ihm Geld egal, da er nur was zum Saufen brauche. Und sein Saufen klaut er wenigstens als aufrechte Zecke. Das ist wenigstens noch eine konkrete Utopie, und ein Lebensentwurf, der mir sympathisch ist.

Ich weiß, dass Mike Strathoff den darauf folgenden „Nutzlos“ eher scheiße findet. Tatsächlich ist er sehr anders, da er eher langsamere Töne und weniger Dilettanz an den Tag legt. Der Ostler bezeichnet sich, back to the roots, als nutzloses Element der „Gesellschaft“, und vergleicht sich mit diversen Tieren – genau gesagt zwei Säugetiertaxa, „der“ Ratte und dem Köter. Ich finde das Lied auch nicht berauschend, aber die Nachkriegsratten haben schon sehr viel schlechteres (mensch erinnere sich mit Grausen an die ersten beiden Tracks der Unser Leben für den Müll, oder das hart versiebte „Antinationale Randale“) verbrochen.

Das Ende ist der mythische „Hia Hua Holzfällerbär“. Jeder Mensch sollte es mal auf YouTube sich zu Gemüt geführt haben. Gleichzeitig ist es das einzige Lied mit cleanem Gesang. Ein echter Tausendsassa, dieser Ostler aus der Tonne.

Ich habe diese singulär beschissene Fakeband wochenlang täglich gehört, kann die Kraweelgeräusche mittlerweile auswendig, und ihr Konsum, vor allem verkatert und restalkoholisiert, macht eine*n spürbar blöd. Ich kann’s nur empfehlen. Strathoff und ich haben mehrstündige Autofahrten nichts anderes gehört, und leben immer noch, Sozialfälle waren wir schon vorher. Einige der Zeilen sind geflügelte Worte und Geräusche in meinem Wortschatz geworden. Hören Sie die Musik der Nachkriegsratten, denn sie ist sehr gut!

Nachkriegsratten: Ostler aus der Tonne

Juni 22, 2014

Vorsicht: Das Verständnis dieses Blogposts ist zwingend nötig.

Wer ohne Folgeschäden die Auf einen Kaffee mit Männermann überlebt hat, findet hier Nachkriegsratten-Musik für fortgeschrittenere Hörer: Setzte das zuvor rezensierte Album noch sehr auf Storytelling und legte großen Wert auf individuelle Geschichten („ADMMMMDKWUN“, „Das geht mir auf den Senkel“), ist die Ostler aus der Tonne (zum Hören hier entlang) experimenteller und mit einer größeren Schippe Wahnsinn angereichert. Da verwundert es nicht, dass die Nachkriegsratten hier ihre extremsten Lieder zum Besten geben, allerdings nicht zwangsläufig im positiven Sinne.


Creative Commons BY-NC-SA 3.0 Nachkriegsratten

Das meiner Meinung nach schönste Coverartwork, und das Bild, das ich am ehesten mit dem Begriff Nachkriegsratten assoziiere. Ich hatte es mal in HD als Desktophintergrund wie auch als Skype-Profilbild. Mike Strathoff, eine Frau deren Pseudonym ich nicht kenne, und ich bastelten sogar mal mit einer Plüschratte und einer als Mülltonne umfunktionierten Blechdose das Artwork nach, um es Timo Aster zu schenken. Na ja, eigentlich haben das nur die erstgenannten gebaut. Auf ein Geburtstagsgeschenk für Manfred Heisenberg malte ich sowohl den Coverartwork-Ostler als auch den Männermann von der nach ihm benannten EP. Ohne Frage ist der aus der Tonne kuckende Rattenmensch das stimmigste Cover. Erstens muss der Sänger in Wirklichkeit genau so aussehen, denn diese „Gniääääääähhh!“-Rattengeräusche sind mit herkömmlichen menschlichen Stimmbändern nicht möglich. Außerdem ist ein wichtiges Detail zu sehen: Auf die Backsteinwand hat tatsächlich jemand „Hia Hua“ getagged.

Im ersten Lied „Totale Zerstörung“ weist uns der Ostler in einem mehrsekündigen Wutanfall darauf hin, dass er zwar den ganzen Tag geschnorrt habe, ihm aber niemand Geld gab. Darauf folgt dann tatsächlich typische Nachkriegsrattenmusik, mit einem der wahnwitzigsten Einfälle: Mitte des Liedes befiehlt der Ostler „Solo, unser geiles Solo jetz!“ in den Raum, worauf ein dreisekündiger Gedüdelunfall ertönt, den er mit „Yeah! Geil!“ honoriert. Beim ersten Anhören lag ich auf dem Fußboden. Ansonsten werden mit üblicher Penetranz die restliche Spielzeit lang die immer gleichen Sätze rumgebölkt; Ziel dahinter: Zuhörer*in soll begreifen, dass der Ostler wütend ist.

„Leben? Egal!“ beginnt eher depressiv („In ein Krankenhaus geschissen!“), und erzählt vom missverstandenen Leben des Ostlers aus der Tonne. Denn scheinbar handelt es sich um eine derbe Geburtsmetapher, obwohl ich es cool fände zu erzählen, wie jemand besoffen in ein Krankenhaus scheißt (mehr Punk wäre kaum möglich). Gegen Ende kommen noch relativ gute Nachkriegsrattismen („Ab in die Grube, das Leben eine Qual – jetzt ist es vorbei … egaaaal!“).

Eher typisch ist das dritte Lied, „Motte//Kotze“; gleichzeitig ist es das stimmlich vielleicht eindrucksvollste. Bevor die ersten Takte erklingen, schiebt der Ostler aus der Tonne einen ungeahnten verbalen Tobsuchtsanfall, der seinesgleichen vergeblich sucht und der/dem Hörer*in durch Mark und Bein fährt. Sein Portemonnaie sei leer, es sei lediglich „son scheiß Vogel drin“. Beim weiteren Verfolgen des Liedes wird klar, dass es sich bei dem scheiß Vogel um eine Motte handelt. Ansonsten ist dieses Lied eigentlich fast typischer 80er-Teen-Deutschpunk mieserer Quali, beschreibt er doch vor allem Pleitesein, Saufen, und die Folgen für den rattenmenschlichen Körper („mal wieder total voll gewesen, mal wieder… Atem wie verwesen […] mal wieder ist der Film gerissen, mal wieder geht es mir beschissen!“). Lediglich das routinierte Wahnsinnsintro gibt dem ganzen ein eigenes Flair und die typische Bandidentität.

„Antinationale Randale“ hingegen ist ziemlich scheiße. Ich würde sogar den Begriff „antinational“ als Hinweis dafür anführen dass das Zeug maximal vor nen paar Jahren eingespielt worden ist, war es doch vorher kaum eine verbreitete Selbstbezeichnung. Das Lied ist leider kacke, bis aufs Intro (mit einem zugekniffenen Auge) ist da auch nichts Antinationales auszumachen, und ihm fehlen die Schreikrämpfe und wahnhaften Tiergeräusche, die viele andere Nachkriegsratten-Lieder erst zu modernen Klassikern machen. Dennoch möchte ich an dieser Stelle das Beschmeißen von Nazis inner Kneipe mit Bratpfannen uneingeschränkt gutheißen.

Insgesamt würde ich sogar die Ostler aus der Tonne als Schwachpunkt der Nachkriegsratten-Vita sehen. Hier gehen zwei gute bis Übertracks mit zweimal etwas ideenarmen Schund einher. Ein Grund mehr, in die Unser Leben für den Müll reinzuhören!

Nachkriegsratten: Auf einen Kaffee mit Männermann

Juni 22, 2014

Lange fiel es mir nicht auf, dass ich das Schaffen der Nachkriegsratten mal rezensieren könnte. Immerhin bin ich laut Google die zweite (!) Person, die sich jemals mit denen rezensierend beschäftigt hat. Timo Aster entdeckte diese Formation auf einem Tribute-Sampler an die Pestpocken, auf dem die Nachkriegsratten den Track „Soziale Hängematte“ covern und laut ihm behaupten würden, diesen selbst erfunden zu haben, bereits irgendwann in den 80ern im Osten jeglichen Punkschuppen (ich bin mir sicher dass es leicht war unter den Bedingungen Rotzpunk zu spielen, Otze hatte sich die ganzen Undercover-Klamotten bestimmt nur ausgedacht) bespielt zu haben, und generell die ersten gewesen zu sein. Da ich die Pestpocken scheiße und lächerlich finde, und deren Lebenswerk daher nur schemenhaft kenne, würde mich das nicht mal wundern. Gäbe es nicht zig andere Hinweise.

Die Nachkriegsratten hingegen sind leicht zugänglich – jeder ihrer Tracks, mit Ausnahme des Pestpockencovers, ist auf YouTube zu finden – und haben einen beeindruckenden Charme. Ihre Entstehungsgeschichte ist nicht so leicht herauszufinden, laut einem Deutschpunk-Filehoster-Linkblog lautet wohl die offizielle Version, dass die Tiere Mitte der 80er irgendwo in der DDR unterwegs waren, und dass es sich bei der Auf einen Kaffee mit Männermann um ihr erstes Erzeugnis handelt. In jeglichen Kommentarspalten wurden die Nachkriegsratten mit großer Häme überhäuft, und der Vorwurf, dass es sicher keine Ostpunkband aus den 80ern sei, ist sicher nicht ganz unberechtigt („Ich hab mir Stiefel bestellt, im Punkversand!“; „Keinen Cent ham die mir gegeben! Keinen Cent … äh … Ostmark!“; „Hansa Bier, Export Bier, alles Bier!“). Nicht unpassenderweise wurde in einem Plastic Bomb-Review festgestellt, dass es von den bemerkenswert stumpfen Texten her einfach nicht nach Ostpunk klingt. Außerdem sollten sie angeblich mal im AK44 gespielt haben, zumindest stand deren Name auf einem Flyer. Ich bezweifel dass die Ratten außerhalb ihres Studios (Hobbykeller? Garage? Trinkhalle?) jemals existiert haben, denn hätten sie sich im AK44 blicken lassen, hätte garantiert mal jemand über sie berichtet. Und wenn die Nachkriegsratten eins tun, dann im Gedächtnis bleiben. Völliger Wahnsinn ist es, dass ich gerade herausgefunden habe, dass die Nachkriegsratten eine Bandcamp-Seite haben – und sogar EIN NEUES RELEASE beworben wird. Wahnsinn. Noch muss ich mich aber beherrschen, und diesen Post schreiben. Allen Leser*innen empfehle ich den sofortigen Konsum der gesamten Nachkriegsratten-Diskographie.

Musikalisch betrachtet ist die Männermann-EP nicht nur (laut einigen Quellen, nicht jedoch laut der Band selbst) das angebliche Erstlingswerk, sondern bietet sich auch als Einstiegspunkt in die musikalische Welt der Nahrungsmittel- und Trinkhallenschädlinge an. Wer bei dem Namen der Band an eine kaputte Hommage an die Vorkriegsjugend denkt, hat halb Recht, allerdings nur, was die Aufnahmequalität angeht. Wer den Namen als kaputte Hommage an ein Stück Trümmerliteratur, durch das jede*r mal im Deutschunterricht durch musste, versteht, hört wahrscheinlich sonst auch Stimmen aus der Wand. Die Hörer*innenschaft erwartet primitivster Rotzpunk in grauenhafter Aufnahmequalität, es klingt nach einer frühen Rock-o-Rama-Platte, als hätte Egoldt persönlich an den Reglern gestanden bevor er dann doch das große Geld im Rechtsrock entdeckte. Bis auf wenige Ausnahmen – etwa „Hia Hua Holzfällerbär“ – besteht jedes Lied aus immer gleich klingenden penetrant rumrieselnden Gitarrenangriffen, das Schlagzeug kennt nur einen Rhythmus, und Strathoff und ich brauchten zwei vierstündige Autofahrten auf denen wir alle 18 Tracks der Nachkriegsratten rauf und runter hörten, um die Lieder an den ersten Takten – oder auch oft Ansagen – erkennen zu können. Anders als andere Kapellen die für ihre völlige Unfähigkeit milde belächelt werden – die unsäglichen Cotzbrocken seien mal an erster Stelle erwähnt – steigert sich das bei den Nachkriegsratten aber in absoluten Wahnsinn. Der Sänger schreit mit einer unbeschreiblichen Hysterie durch die Gegend, seine Stimme grölt, kreischt und geräuscht sich durch sämtliche Oktaven, wenn er nicht einfach nur seltsame Rattengeräusche macht („Nggaaaaaaaa-oooooohhhh!“), die Intonation hat oft eine gewisse Gollum-Note; diese Töne als „berstig“ zu bezeichnen, wäre ein Kompliment. Nicht weniger beeindruckend sind die kurzen Momente in denen der so genannte Männermann zu Wort kommt, so etwa auch im Titeltrack der vorliegenden „Platte“. Timo Aster hatte außerdem das Coverartwork ihres Dritt- und Letztwerks – die Ostler aus der Tonne immer so interpretiert, dass das eigentlich eine Selbstbeschreibung des Sängers ist. Laut Facebook firmiert der kreischfreudige Ossi unter dem Spitznamen Culti, doch wenn es unter all diesen Ostlern aus der Tonne den einen Ostler aus der Tonne gibt, dann ist ohne Frage er das. Also wird der Gesang vom Ostler und Männermann getragen; letzterer „spielt“ zudem Gitarre. An Schlagzeug und Bass sitzen bzw. stehen liegen nicht minder illustre Gestalten: Rumpel-Ronny respektive Weiberpenis bedienen diese Instrumente und verbreiten zusätzlichen Alkohol-, Tabak-, Müll-, Schweiß-, Kotz- und Bierfurzgeruch.

Das Coverartwork der Auf einen Kaffee mit Männermann ist schlicht, aber typisch:

Creative Commons BY-NC-SA 3.0 Nachkriegsratten

Eine hässliche Bleistiftzeichnung, bei der biersaufenden Ratte, die dem mutmaßlichen Groupie einen Ficker zeigt, handelt es sich vermutlich um Männermann. Ein Stilelement, das sich auch auf den beiden nachfolgenden Platten wiederfindet, ist die Verwendung von Bierdosen in der Zeichnung, auf denen „Bier“ draufsteht.

Beim Ersttrack handelt es sich um „Rumziehn“ – bereits in den ersten Akkorden poltert der Ostler aus der Tonne und ins Mikro, auch der Männermann kommt mit seinem Trademark-Satz (ein debil ausgesprochenes „Ja?“) gleich zweimal zu Wort. Der Song bietet alles an, was die Nachkriegsratten ausmacht: Ein wütend-sturzblödes Intro, ewig gleich polternder Midtempo-Rumpelpunk, eine dauernd ausrutschende Stimme, düdelige Gitarrensolos, und ein wütend-sturzblödes Outro, in dem der Ostler noch mal irgendwas wütend klingend sollendes ins Mikro jauchzt. Alleinstellungsmerkmal des Liedes ist ganz klar das gewandte Wortspiel („Wie Sinti und Roma, nur ständig im Koma ziehen wir Rum, ja wir ziehen Rum! […] Komm lass uns rumziehn/Rum ziehen“ ad infinitum vel nauseam).

Im direkt darauf folgenden „Das geht mir auf den Senkel“ teilt der Ostler aus der Tonne mit dem Zuhörer seine Wut: In einem Spoken Word-Intro erzählt er, er habe Stiefel im Punkversand bestellt, aber durch seine Besoffenheit „eine Null zu viel gemacht“, wodurch er jetzt „Hundertlochstiefel“ habe. Das sähe „total scheiße aus“, weshalb er sich wütend fast anderthalb Minuten lang darüber aufregt. „Das geht mir auf den Senkel“ ist leider eines der meiner Meinung nach schlechteren Liedern, lediglich die gestörten Schreie am Ende („Einloch, Zweiloch, Dreiloch, Arschloch! Arschloch! Arschloch!“) und das wohl heftigste, animalischste Rattengeräusch das der Typ jemals aus seinem verwesenden Bierleichnam ausgestoßen hat („Ngggggaaaaaoohhhhh!“) reißen wieder einiges raus.

Das simpel betitelte „Nachkriegsratten“ besteht aus penetrantem Gebolze, in dem der Ostler aus der Tonne die Band mit Reim-dich-sonst-Randale-Lyrik beschreibt („Wer trinkt schneller als sein Schatten? Raaaahhhhrrrr Nachkriegsratten! […] Wie ein Fahrrad mit zwei Platten: Hahaha, die Nachkriegsratten!“). Für mich eher ein Tiefpunkt ihrer Karriere. Obwohl Timo Aster vermutlich Recht hat, dass der Ostler hier mehrmals „Anarchie und Chaos, denn wir sind verrückt!“ schreit, klingt es sehr stark nach „Anarchie und Gas“. Was irgendwie lustig ist, da die Kombination aus Vollsuff, Danebenbenehmen und Ausdünstungen, die ja manchmal großen Spaß macht, seitdem von mir öfter als „Anarchie und Gas“ bezeichnet wird.

Doch damit nicht genug: Im titelgebenden „Auf einen Kaffee mit Männermann“ erzählt der Ostler aus der Tonne, dass sich zwar auf eben genau das „all die Damen [freuen], doch Männermann, der trinkt nur Bier, da kennt er kein Erbarmen.“ Diese Zeile wird ein paar mal in langsam und schnell wiederholt (Zonenpunkreferenz?). Ein Teufelskerl, dieser Männermann: Ausgangspunkt ist ein kurzes Intro, in dem ein Fangirl der Band wohl mit libidinösen Hintergedanken ihn auf einen Kaffee einlädt, dieser aber schlägt das Angebot mit einem „Näää, kommt nicht in die Tüte!“ in seiner unmotivierten Quengelstimme aus. „Det isser also, der feine Herr Männermann“, wird die Dame etwas resigniert am Ende feststellen.

Heiliges Alkoholdelir, Männermann! Das folgende Lied mit dem Titel „ADMMMMDKWUN“ (suggested pronounciation: a:de:ʔɛmʔɛmʔɛmʔɛmde:kvun*) beschreibt, dass der Ostler sich auf dem Markt mit Männermann nichts kauft. Dabei beschreibt er mit lauter Krakeelstimme interessante Details („Flundern, Zander, Aale, Welse, oder tote Putenhälse […] inner Pfanne hört man’s brutzeln, Zipfelwürste zum dran zutzeln!“), und regt sich in den letzten Momenten fürchterlich darüber auf, dass jemand vor seiner Nase ihm tatsächlich den letzten Oktopus weggekauft habe. Großes Kino.

Laut Bandcamp schließt das Album – zumindest das jetzige Re-Release (ich schaffe es tatsächlich das so zu bezeichnen, ohne mich totzulachen – langer NKR-Konsum härtet ab) – mit dem Pestpockencover „Soziale Hängematte“ ab. Lustiges Lied, es geht um Faulsein und Arbeitsverweigerung, und das schöne Leben dank (Proto-)Hartz (zu Zeiten von „Birne“ Kohl auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs). Zwischendurch kommt sogar der Männermann nochmal zu Wort („Ja!“), danach ist es zu Ende. In jeglicher Hinsicht. 11/10. Für immer eine Nachkriegsratte!

 

* Cite this as:

Kampmann, M. (2012). Nachkriegsratten: Auf einen Kaffee mit Männermann. the lay of kampmann 22-Jun-2014a. Accessed online at https://tollimpreispilsener.wordpress.com/2014/06/22/nachkriegsratten-auf-einen-kaffee-mit-mannermann/.

Aus jetzt gegebenem Anlass:

Juni 16, 2014