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Nachkriegsratten: Ostler aus der Tonne

Juni 22, 2014

Vorsicht: Das Verständnis dieses Blogposts ist zwingend nötig.

Wer ohne Folgeschäden die Auf einen Kaffee mit Männermann überlebt hat, findet hier Nachkriegsratten-Musik für fortgeschrittenere Hörer: Setzte das zuvor rezensierte Album noch sehr auf Storytelling und legte großen Wert auf individuelle Geschichten („ADMMMMDKWUN“, „Das geht mir auf den Senkel“), ist die Ostler aus der Tonne (zum Hören hier entlang) experimenteller und mit einer größeren Schippe Wahnsinn angereichert. Da verwundert es nicht, dass die Nachkriegsratten hier ihre extremsten Lieder zum Besten geben, allerdings nicht zwangsläufig im positiven Sinne.


Creative Commons BY-NC-SA 3.0 Nachkriegsratten

Das meiner Meinung nach schönste Coverartwork, und das Bild, das ich am ehesten mit dem Begriff Nachkriegsratten assoziiere. Ich hatte es mal in HD als Desktophintergrund wie auch als Skype-Profilbild. Mike Strathoff, eine Frau deren Pseudonym ich nicht kenne, und ich bastelten sogar mal mit einer Plüschratte und einer als Mülltonne umfunktionierten Blechdose das Artwork nach, um es Timo Aster zu schenken. Na ja, eigentlich haben das nur die erstgenannten gebaut. Auf ein Geburtstagsgeschenk für Manfred Heisenberg malte ich sowohl den Coverartwork-Ostler als auch den Männermann von der nach ihm benannten EP. Ohne Frage ist der aus der Tonne kuckende Rattenmensch das stimmigste Cover. Erstens muss der Sänger in Wirklichkeit genau so aussehen, denn diese „Gniääääääähhh!“-Rattengeräusche sind mit herkömmlichen menschlichen Stimmbändern nicht möglich. Außerdem ist ein wichtiges Detail zu sehen: Auf die Backsteinwand hat tatsächlich jemand „Hia Hua“ getagged.

Im ersten Lied „Totale Zerstörung“ weist uns der Ostler in einem mehrsekündigen Wutanfall darauf hin, dass er zwar den ganzen Tag geschnorrt habe, ihm aber niemand Geld gab. Darauf folgt dann tatsächlich typische Nachkriegsrattenmusik, mit einem der wahnwitzigsten Einfälle: Mitte des Liedes befiehlt der Ostler „Solo, unser geiles Solo jetz!“ in den Raum, worauf ein dreisekündiger Gedüdelunfall ertönt, den er mit „Yeah! Geil!“ honoriert. Beim ersten Anhören lag ich auf dem Fußboden. Ansonsten werden mit üblicher Penetranz die restliche Spielzeit lang die immer gleichen Sätze rumgebölkt; Ziel dahinter: Zuhörer*in soll begreifen, dass der Ostler wütend ist.

„Leben? Egal!“ beginnt eher depressiv („In ein Krankenhaus geschissen!“), und erzählt vom missverstandenen Leben des Ostlers aus der Tonne. Denn scheinbar handelt es sich um eine derbe Geburtsmetapher, obwohl ich es cool fände zu erzählen, wie jemand besoffen in ein Krankenhaus scheißt (mehr Punk wäre kaum möglich). Gegen Ende kommen noch relativ gute Nachkriegsrattismen („Ab in die Grube, das Leben eine Qual – jetzt ist es vorbei … egaaaal!“).

Eher typisch ist das dritte Lied, „Motte//Kotze“; gleichzeitig ist es das stimmlich vielleicht eindrucksvollste. Bevor die ersten Takte erklingen, schiebt der Ostler aus der Tonne einen ungeahnten verbalen Tobsuchtsanfall, der seinesgleichen vergeblich sucht und der/dem Hörer*in durch Mark und Bein fährt. Sein Portemonnaie sei leer, es sei lediglich „son scheiß Vogel drin“. Beim weiteren Verfolgen des Liedes wird klar, dass es sich bei dem scheiß Vogel um eine Motte handelt. Ansonsten ist dieses Lied eigentlich fast typischer 80er-Teen-Deutschpunk mieserer Quali, beschreibt er doch vor allem Pleitesein, Saufen, und die Folgen für den rattenmenschlichen Körper („mal wieder total voll gewesen, mal wieder… Atem wie verwesen […] mal wieder ist der Film gerissen, mal wieder geht es mir beschissen!“). Lediglich das routinierte Wahnsinnsintro gibt dem ganzen ein eigenes Flair und die typische Bandidentität.

„Antinationale Randale“ hingegen ist ziemlich scheiße. Ich würde sogar den Begriff „antinational“ als Hinweis dafür anführen dass das Zeug maximal vor nen paar Jahren eingespielt worden ist, war es doch vorher kaum eine verbreitete Selbstbezeichnung. Das Lied ist leider kacke, bis aufs Intro (mit einem zugekniffenen Auge) ist da auch nichts Antinationales auszumachen, und ihm fehlen die Schreikrämpfe und wahnhaften Tiergeräusche, die viele andere Nachkriegsratten-Lieder erst zu modernen Klassikern machen. Dennoch möchte ich an dieser Stelle das Beschmeißen von Nazis inner Kneipe mit Bratpfannen uneingeschränkt gutheißen.

Insgesamt würde ich sogar die Ostler aus der Tonne als Schwachpunkt der Nachkriegsratten-Vita sehen. Hier gehen zwei gute bis Übertracks mit zweimal etwas ideenarmen Schund einher. Ein Grund mehr, in die Unser Leben für den Müll reinzuhören!

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