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Kampmann trinkt Wein, Episode I

April 21, 2014

So – endlich wieder Liveblogging!

In Zusammenarbeit mit dem hoch geschätzten Daniel Michas, ging ich gestern meinen schon länger gehegten Plan durch, mir das Weintrinken anzugewöhnen. Bislang war ich dem sehr abgeneigt, da ich mit Wein zumeist starke Kopfschmerzen assoziiere, und diese typische Weintrinkeretikette sehr stark von der des Biersaufens abweicht, ein Verhalten, das Hansavernichtung eher als Sport begreift. Das Weintrinken soll nicht das Biertrinken ablösen, vielmehr in Situationen einspringen, wo ich ansonsten Bier trünke, aber Wein angemessener wäre. Aber vielleicht finde ich ja Wein danach so scheiße, dass daraus nichts wird.

Doch damit nicht genug: Mein Argument an mich selbst war, dass es doch einen gediegeneren, eher runterbringenderen Rausch in der Welt des Alkohols geben müsse. Bier ist für mich grundsätzlich ein Upper – zumindest anfangs. Ich werd aktiv, rastlos, redselig, teils etwas überheblich bis prollig, und nach dem Zenith des Rausches, wenn alles wieder abklingt, wieder redselig und der allgemeine, harte Diskutier- und Laberflash setzt ein. Hochprozentiges (>20 Geister) hingegen klatscht mich einfach nur aus den Socken, erzeugt einen kalten, schlecht durchplanbaren Rausch, der sich nicht gut mit Aktivitäten verträgt, mir den Alkohol in viel zu komprimierter Form vorsetzt als dass ich das Saufen groß genießen könnte, und am nächsten Tag verflucht mein Körper sich selbst und meinen Geist. Biertrinken hingegen passt mit vielem zusammen, vom Feiern, Zusammensitzen von draußen in der Pampa bis zu in der Kneipe, Spielen von Gesellschafts- wie Videospielen; und manchmal fehlt auch nur ein halber Liter Pils, um die 7 Minuten Wartezeit an der Haltestelle in Zusammenarbeit mit der Kippe weniger ätzend zu machen. Zwischen diesen Zuständen kenne ich praktisch keine Abstufungen in der Welt der Alkoholräusche. Und da Chillen durch Kiffen für mich keine Option mehr ist, war der gediegene Weinrausch mal etwas Interessantes. Außerdem hat das Wein- dem Biertrinken gegenüber den Vorteil, geringere Mengen trinken zu müssen, was sich hoffentlich in sehr viel weniger Pinkelnmüssen niederschlägt.

Empfohlen wurde mir – am liebsten hätte ich mit einem halbtrockenen Weißwein o.ä. begonnen – der Dornfelder aus dem Aldi, da – sollte das Weintrinken eine dauerhafte Phase werden – ich ein Hansa-ähnliches Produkt mit gutem Preis/Leistungs-Verhältnis bräuchte. Da leider der S&K-Getränkeschmitt heute geschlossen hatte, bin ich nun auf etwas sehr viel edleres angewiesen. Wurde mir gesagt. Ich hab keine Ahnung woran sich so was festmacht, ich kann nicht mit Begriffen hantieren, ich kann höchstens rausfinden wie es mir schmeckt, und mich morgen ärgern oder auch nicht. So, without further ado, let me introduce myself to…

Edition Valentin Vogel: 2012, Cuvée Rot, Trocken. Die beiden letzten Worte machen mir wenig Mut. 0,75er-Flasche, 13 Volumprozent. Davon zu trinken: Etwa die Hälfte. „Sonne, mildes Klima und vollreife Trauben [seien angeblich] ideale Bedingungen für die Weine der Edition Valentin Vogel“. Nun gut. Weinmacher Vogel scheint ein großer Name zu sein, ein Logo und eine stilisierte Unterschrift sind auch auf dem Etikett zu sehen; stammen tut das Getränk aus der Pfalz. Bei dem Gebinde handelt es sich um eine dunkelgrüne Pulle mit einem Schraubverschluss über dem bereits entfernten Korken: Sehr praktisch. Empfohlen wird eine Trinktemperatur von 17-20 °C, die Flasche und das bereits eingeschenkte Rotweinglas – das Zeug muss ja atmen – befinden sich seit ~20 Minuten nicht mehr im Kühlschrank, sondern hier auf dem Tisch.

Freundlicherweise wird auch direkt Fleisch, Käse, und Pasta empfohlen – meine Idee war also gut. Le fromage, c’est près de Grünglasflasche, es handelt sich zwar um recht billigen Gouda, aber ich hab große Hoffnungen, dass er die – hoffentlich nicht allzu – aggressive Säure des Weins neutralisiert, und einfach gut dazu schmeckt. Quasi der Ersatz fürs unaufhaltsame Rauchen, ständiger Begleiter meines Biertrinkens. Und da ich heute bereits Asianudeln hatte, hab ich zwar nicht direkt Pasta, aber doch etwas im Magen, was dem einigermaßen nahekommt.

Da hier noch ein bisschen Zeit verstreichen muss bevor es losgehen kann, schmeiß ich mein 20-Minuten-Album of choice – in diesem Falle die Milo Goes to College von den Descendents (textlich gibt’s da einiges auszusetzen, aber es fällt mir trotzdem schwer, die Platte scheiße zu finden) – rein und gehe nochmal auf den Fromage ein (klasse Wort!). Für nen Gouda ist er noch relativ jung und hell, meinetwegen hätte er ruhig etwas gereifter sein können, aber so geht’s auch. Es handelt sich um recht dicke, grade von mir aus einem Block geschnittene Scheiben. Obwohl ich großer Verfechter des Pfundblocks Käse zum Abbeißen bin, erschienen mir ein paar Streifen aufm Kuchenteller doch der Situation angemessener. Schmeckt pur natürlich ziemlich fettig, aber das hat Käse so an sich. Hab auf jeden Fall schon mal faderen Gouda gegessen als den.

Fast hätte ich es vergessen. In Adidas-Jogger und dem Shirt eines baldigen Nordsterns am Deutschpunkhimmel (live unbedingt ankucken, große Selbstbeherrschung mitbringen!) ist die Stimmung natürlich nicht so wie sie soll. Schnell eine Jeans an- und einen grünen, gesetzten Wollpulli Marke entspannter Deutschlehrer übergezogen, entfaltet der Geruch des Weins und Käses gleich schon eine wohlige Atmosphäre. Ich weiß nicht, sagt man dazu Bouquet?

Anscheinend nicht. Laut Wiki bezeichnet mensch damit den Geruch im Glas. Könnt ich zwar jetzt rausfinden, wird aber erst interessant, wenn ich auch trinke. Geben wir dem noch ein paar Minuten, und rauch ich so lange eine Zigarette. Scheiße, grade läuft erst „Statue of Liberty“. Aber einiger meiner Lieblingstracks auf der Milo sind eh unter den Letzten zu finden.

So, mit ein paar Jugendweltschmerzzeilen, die mich aufgrund ihrer Rotzquali auf Schrabbelbasis nicht mal stören, hat sich auch das Album verabschiedet. Okay, los geht’s. Frische Playlist bauen (ich bleibe vorerst auf The Dutchess and the Duke hängen), Stange Wasser inne Ecke stellen, ab dafür.

Boah. Das Bouquet ist ziemlich heftig. Und der Wein schmeckt auch so: Ziemlich schwer, aber der Käse ist gut. Wenn ich mit dem Glas diese Schwenkbewegungen mache, schmeckt er danach immer noch genau so. Auch wenn sicher manch einer dazu neigen würde diesen Schwenkactions ihre Berechtigung abzusprechen, tu ich das noch nicht. Als ich anfing, Pils zu trinken, hat auch alles gleich (scheiße) geschmeckt. Heute erkenne ich den meilenweiten Qualitätsunterschied zwischen einem Hansa Pils und einem schäbigen Warsteiner ohne Probleme. Ähnliche Erzählungen – ebenso über Geschmacksunterschiede zwischen Zigarettenmarken – wird wohl ein großer Teil der Menschheit zum Besten geben können. Meine Güte, schmeckt das hart. Ein ziemlicher in-die-Fresse-Hauer. Der Wein ist reif, ich aber noch nicht dafür. Wie der Mensch für den Stalinismus. Zum Glück drohen mir nicht Verfolgung, Sippenhaft und Tod, sondern das schon nach rund zehn Minuten nach einem halben Glas einsetzende Gefühl eines immer schwerer werdenden Kopfes.

Was ich dem Zeug jetzt schon hoch anrechne, ist dass es mangels Kohlensäure nicht schal werden kann. Und irgendwie schmecke ich mittlerweile eine vorher nie dagewesene Würze beim Abgang des Fromages raus – geil! Das von mir oft geschilderte Gefühl, dass „irgendwas“ werde „hinter meinen Augen wach“, hat sich sehr zügig eingestellt. Aber ich glaube nach wie vor dass das eine Kopfsache ist, die beim Beginn des Alkoholtrinkens sehr oft eintritt, wenn ich mich drauf freue oder besonders interessiert bin. Für den Käse im Magen bin ich jedenfalls jetzt schon dankbar. Aus der Pulle riecht der Cuvée jedenfalls genau so wie aus dem mittlerweile zweiten Glas, nur halt – aufgrund der kleineren Öffnung – stärker. Wenn dieser Wein irgendwas macht, dann mich zum Käsejunk. Aber teste ich doch mal die Kompatibilität mit Rauchen.

Eine Kippe zu Wein ist vergleichbar mit jeder anderen Kippe ohne Kaffee oder Bier. Mittlerweile musikalisch auf Juri Gagarin klebengeblieben (der Gedankengang ist jedesmal folgender: „Was passt jetzt wohl? Suchen wir mal. Ach, das ist bestimmt auch ganz okay. An damit!“), wird das Trinken schwerer. Ich bin zwar null besoffen, aber mir ist klar, dass Hansatrinken bekömmlicher und einfacher wäre. Irgendwas links am oder unterm Magen fühlt sich nach schwarzem Loch an, aber laut Google-Bildersuche sei die Leber auf der anderen Seite. Le fromage hilft.

Letztes Glas. Ich bin jetzt schon froh noch reichlich Zeit für Wassertrinken und ähnliches zu haben, da ich heute nacht satte 15 Stunden gepennt habe. Sagen wir’s so: Mit entspannter Atmosphäre und Käse ist das Gefühl zwar geil, aber dieser spezifische Wein immer noch nicht. Mit was Ähnlichem habe ich auch gerechnet. Ich fühle mich zwar wie ein weltmüder, verantwortungsscheuer Intellektueller, in dem Zwänge, Leidenschaften und Emotionen kämpfen ohne jemals ihren Weg nach draußen zu finden, aber diese Mischung aus Hilflosigkeit und Arroganz hab ich sonst auch immer. Alkoholtechnisch fühle ich mich – Anfang 3. und letztes Glas – irgendwo zwischen „leicht angetrunken“ und „bald gut dabei“. Fuck, selbst diese bauchigen Schüsseln hält man am Hals beim Trinken. Nicht ernsthaft?! Okay, ab jetzt bin ich schlauer.

Aber auch diese eintretende Bedüseltheit ist eine ganz andere als ich es gewohnt bin. Es ist wirklich ein bisschen das Bekifftsein unter den Alkoholräuschen, eher stoned als high, aber nicht weit genug am stoned-Ende der Skala, um störend zu sein. Es ist nichts was aktive Bierräusche ersetzt, und das soll es auch gar nicht, aber Hammerhead’sche „Ich sauf allein!“-Phasen können bestimmt auch gut auf Wein funktionieren. Ich find es grad ziemlich angenehm. Vielleicht liegt es auch daran dass es für mich Neuland ist, in dem ich grade chille, und sich Bierräusche für den Untrainierten ähnlich anfühlen, keine Ahnung. Aber das ist okay.

Die Cuvéehälfte ist alle. War interessant. Brauch ich nicht nochmal. Aber was Bekömmlicheres aus der Weinecke würd ich doch gerne ausprobieren. In diesem Sinne: Das Projekt wird irgendwie weiterlaufen!

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4 Kommentare leave one →
  1. Dest (blonde Schwedinnen-Counter: 2) permalink
    Mai 9, 2014 4:19 pm

    Die Phase mit dem „Nur mal gucken“ bei Weinen hab ich bereits hinter mir. Hast aber absolut nicht unrecht, das „Betrunken-sein“ vom Vino ist definitiv interessant(er) als der herkömmliche Dosenbierrausch. Das mit dem Dornfelder kann ich desweiteren auch empfehlen. Mein Favorit ist der rote halbtrockene aus dem Kaufland für ..äh knapp 2 Mark glaub ich. Gutes Zeug und sogar schütttrinkbar. Achja und wenn der auch nicht hilft:

    “ Ich hab hier zwei Weine. Der eine ist jedenfalls Franzose […] welcher jetzt besser schmeckt? Keine Ahnung, aber einer ist schwer und hat 13 Prozent“

    😉

    • Mai 21, 2014 6:10 pm

      Hatten hier die letzten anderthalb wochen diverse weitere Vinos uns reingehauen. Mit den 3 halbtrockenen Weißen konnte ich – zumindest im bereits angetrunkenen Zustand – durchaus was anfangen 😉

  2. Ο ανδρας τησ πέτρας permalink
    Juni 9, 2014 2:45 pm

    Weißwein siegt. Rotwein ist der Tod. Warum hörst du keine willkürliche klassische Musik dabei, um das ganze amüsanter zu gestalten?

    • Juni 11, 2014 5:17 am

      Seh ich ähnlich. Keine Ahnung was die Hintergrundmusik angeht. Den Großteil meines Weins hab ich eh 2-3 Wochen später mit Strathoff und ??? getrunken, leider sind Resident Evil 4-Ingame-Geräusche und postangetrunkenes übermüdetes Gelaber am Vormittag wohl auch nicht jedermanns Sache zum Wein.

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