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Propagandhi: Failed States

September 5, 2012

Ich und der Punkrock. Es ist ein bisschen, wie ich mir eine Ehe vorstell. Was gibt es da eigentlich noch? Dosenbiertriefender Deutschpunk hatte sich als erstes jeglicher Ernstnehmbarkeit und Sympathie beraubt, Grölen mit dem ab und zu eingeworfenen Haufen Verlegenheits-Antifaschismus, Bullenstaat, Bullenstaat, wir ham dich zum Kotzen satt, schrömmelömmelömm, die Bullen wären ja kein Problem wenn die nicht ausgerechnet uns immer nerven würden. Von diesem Kram kommt nichts mehr, was auch nur ansatzweise auf meinem Radar erscheint. Alles, was diese Leute jemals gesagt haben, sagen Eisenpimmel in auf den Punkt gebracht, oder die Arzte auf ihrer 1, 2, 3, 4/5, 6, 7, 8, Bullenstaat. Gut, der etwas experimentellere Ossi-Punk von Schleimkeim oder die sehr merk- bis fragwürdige erste OHL-Platte haben auch was für sich. Slime hat vor nen paar monaten was rausgebracht, wollte hier sogar nen Review zu schreiben, aber die Sich fügen heißt lügen war mir dann doch zu sehr in ihrer Belanglosigkeit untergegangen, obwohl selbst deren polemischstes Frühwerk allemal ok ist, von der grandiosen Schweineherbst mal gar nix zu sagen. Dabei ist der Punkrock, den ich mag, schon längst nicht mehr das ’77er-Provokationsspiel oder der ’82er-Streetkram, dem ich nie viel abgewinnen konnte. Und Punkrock hat eine Menge Scheiße einstecken dürfen, 90er-Green Day-Peinlichkeiten die unter dem Namen firmierten, verzwackelter Postpunk. Der gute alte linke Anti-Atom-Crustcore der 80er ist längst gestorben – was Oi Polloi heute machen, weiß ich nicht. Vielleicht backen sie ihren „Anarcho Pie“, ich würd gerne nen Stück probieren. Alle paar Jahre kommmt ein neues NOFX-album, was mit seinem ganz eigenen Humor aber irgendwie doch Aussage-Mix eine gewisse Sympathie ausstrahlt. Ich höre eigentlich nur noch Captain Planet, irgendwelche Rachut-Ableger oder gleich Turbostaat, deutschsprachig, aber wunderschön, düster-bedrohliches, langsames Soundgewitter zu den kryptischsten Texten der Welt. Und … But Alive sind ja mehr so Autonomen-Rock gewesen. Wer über Rise Against immer noch nicht lacht, hat was falsch verstanden. Strike Anywhere ist nie mein Ding geworden, und Comeback Kid irgendwo ein anderes Genre. Anti-Flag werden dafür wieder irgendwo sympathischoider. Bad Religion fällt unter sui generis.

Und ab und zu kommt dann was, wo klar ist dass eigentlich nichts schief gehen kann.


(c) Epitaph Records, 2012.
^ Die Kontroverse darum werde ich nicht ausleuchten.
Hier kaufen.

Drei Jahre haben sie uns nach Supporting Caste warten lassen, die mich zutiefst beeindruckt hat und mit deren Vorgängerwerken Potemkin City Limits bis Today’s Empires, Tomorrow’s Ashes für mich einfach ganz große Klasse ist. Sicher, Propagandhi ist ein sperriges stück Musik. Manch einer mag sich von ihren Tierrecht/Veganismus-Eskapaden angestrengt fühlen; mir stoßen frühere Nahost-Ansagen sehr sauer auf. Während andere Hardcore-beeinflusste Kapellen die ins selbe Horn blasen sich dann mit Hardline-Straight Edge-wir-schlagen-Leute-tot-weil-sie-eine-Kippe-rauchen und radikalem Christentum beschäftigen, sind Propagandhi eine der wenigen Bands die zwar ein Image tragen, aber das mit einer unfassbaren Authentizität, an die eigentlich kein anderer Act rankommt. Kapitalismus und seine Auswirkungen auf den Planeten, die Eigenverwortung von Menschen, ihr tägliches Untergehen im Totalitarismus diktatorischer Regimes oder des allgegenwärtigen Neoliberalismus, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Herrschaftsverhältnisse, die den menschlichen Verstand verkrüppelnden Dogmata von Religionen, alles wiederkehrende Themen. Politische Verfolgung anhand der Biographien von Einzelschicksalen, die kein Schwein kennt, von Menschen die so oder so aus den dümmsten, ignorantesten oder grausamsten Gründen ermordet wurden. Das Schöne ist, dass es sich sehr, sehr wohltuend von parolenhaftem Geprolle abhebt. Die Lyrics sind auf den ersten Blick manchmal fast verwirrend, reichen in ihrer jetzigen Phase von „versteht man ziemlich offensichtlich“ bis „ok, ich peil grob worum es geht, aber…“. Kein Bullenschweine, oi, oi, oi, keine Schrecklichkeit der Situation, mit 16 seine Freundin zu verlieren.

Ach ja, und das ist in beschämend astreine Klänge verpackt. Es ist eigentlich allein wegen dem Geräuschemachenden an der Musik schon wahnsinnig gut. Die Songstrukturen sind sicher auch nicht für jeden was. Typisches Metrum oder Reimschemen gibt’s hier nicht. Die Texte werden in einer für Ersthörer sicher komisch wirkenden Interpunktion vorgetragen.

Und auch musikalisch ist es sicher nicht jedermanns sache. Die ersten Alben noch schrömmeliger Skatepunk mit plakativ-politischen Texten, sind die letzten 4 einschließlich Failed States immer ausgeklügelter, progressiver, metallischer. Auf der Today‘ Empires, Tomorrow’s Ashes und Potemkin City Limits noch Punk härterer Gangart mit Hardcore-Einflüssen, folgt Failed States dem von Supporting Caste gesetzten Trend in Thrash Metal-haltigere Gefilde (na ja, die Albencover sind einander auch sehr ähnlich, obwohl ich das von der Supporting Caste persönlich am schönsten finde). Wie sehr das überhaupt noch Punkrock ist, steht ernsthaft in Frage.

Der Opener „Note to Self“ bringt mich dermaßen in das Gefühl rein, dass ich bei 02:05 pausieren und mir ein Bier holen musste. oh Gott, ist das gut. Lang, erst zurückhaltend beginnend, dann frickelig, düster und progressiv beginnt die Platte damit, ähnlich wie es die Supporting Caste mit „Night Letters“ tat. Ging es damals noch um das Leben politischer Flüchtlinge und ihrer Familien, die ersten von rassistischen Pogromen, die zweiten von Krieg bedroht, wird hier über die Irrationalität hergezogen, sich in einer westlichen Nation, die ihre Demokratie nur als hübsches Aushängeschild hochhält, nicht gegen sicherheitspolitische und wirtschaftliche Eingriffe zu wehren. Titelgebendes „Failed States“ setzt sich in wütendem Gepöbel über den Stand der Menschheit fort, bis dann dann in „Devil’s Creek“ zu Ende gedacht wird:

These adaptive preferences have their way with you. Shape world events. In the wake of an ancient, shallow Late Cretaceous sea – just this side of a clay-packed extinction boundary – a biome breathing, buzzing, humming in the heat. If i seem like I’m somewhere else, it’s Devil’s Creek.

Jemandem wie mir ist es unmöglich, das nicht zu mögen.

In „Rattan’s Cane“ geht das Hardcore-Gebölke – nun erstmals auf dieser Platte – los. In typischer „Wir machen dich kaputt und du kleiner Wichser wirst nix dagegen unternehmen können, wir brechen dich, und bringen dich um wenn wir es nicht schaffen, und vielleicht auch wenn wir es schaffen!“-Manier, einem Stilmittel das Propagandhi nicht eben zum ersten Mal ansetzt, wird die Lage von durch Repressionen bedrohter Menschen untermauert. Hier geht es um die Emos im Irak und die Punks in Indonesien, die sich regelrecht pogromartiger Verfolgung ausgesetzt fanden, wie manch wer vielleicht in den letzten 2 Jahren mitbekam.

Generischeres, immer noch geshoutetes Gepöbel in „Hadron Collision“, das dann in dem obligatorischen einminütigen Wutausbruch … halt, „Status Update“ ist trotz der Kürze seiner Laufzeit kein Wutausbruch, geht aber umso besser ins Ohr.

„Cognitive Suicide“ ist laut, wütend und melodisch, mit einem superguten, nachvollziehbar-erschreckenden Text über die schnell in offene Feindschaft umschlagende Ignoranz von „every time they fail they seek a victim for their spite“-Menschen, die zu -ismen führt. Definitiv mein Lieblingstrack bis jetzt. Laut Bandinformation geht es hier um zwei Südafrikanerinnen: die Mittelstreckenläuferin Caster Semenya, die im Vorfeld der Leichtathletik-WM 2009 wegen ihrer angeblichen Cis-Männlichkeit angefeindet wurde, und Eudy Simelane, eine LGBTQ-Aktivistin und Spielerin in der Frauenfußball-Nationalmannschaft, die für ihre Homosexualität vergewaltigt und umgebracht wurde. Wem da keine Muster zu bisherigen solcher Fälle auffallen, sollte mal „corrective rape“ googlen; wer gerne Dancehall hört, der weiß dass dessen Lieblingsacts „corrective rape“ super finden. Dennoch ist der Track auch auf andere, ähnlich geartete Situationen ausdeutbar. Wenn die Welt von Menschen so erbärmlich gemacht wird, braucht es Menschen die einen am Kragen packen und es einem ins Gesicht kotzen.

„Things I Like“ scheint tatsächlich zu sein, was draufsteht. I like how Hedges tells it like it is. I like the sciences. ich auch.

„Unscripted Moments“ ist gut gemachte Standardkost. „Dark Matters“ fällt auch irgendwo unter diese Kategorie. „Lotus Gait“ macht das gleiche in etwas poetischer, und bewegt sich vom Individualismus des vorherigen Tracks etwas ins mindestens genau so wohlbekannte „was erwartest du wohl was passiert, wenn du auf deinem arsch sitzt?“-Oeuvre, um mit einem visionären, Sampson-esken „Duplicate Keys Icaro (An Interim Report)“ auszuklingen, das sehr zu gefallen weiß.

Wenn’s hier um Bewertungen ginge, ne 8.5 bis 9 von 10. Man hat es irgendwie alles schon sehr ähnlich gehört, die Stilmittel sind die gleichen, die Form der Rhetorik und ihre Stilfiguren gibt’s nicht erst seit gestern, und gleichzeitig ist es trotzdem supergut. Wie alle bisherigen Alben, wird es mir eh von Durchgang zu Durchgang immer besser gefallen. Viele Texte sind ohnehin hohe Prosa und vieles werde ich bei den ersten paar Malen Durchhören auch schlicht und einfach nicht verstanden haben. Ich bin jedenfalls ziemlich glücklich, noch ne Menge Durchläufe vor mir zu haben.

Unter 8 geht eh nichts von denen. Das liegt allein daran, dass man nach nem durchgehörten Album den Müll trennen und mitm Fleischfressen aufhören will. Das sagen Leute vermutlich auch über andere Bands, aber es ist ein Unterschied dazwischen oder ob ein Golf-Fahrer mit Onkelz-Aufkleber auf der heckscheibe sich entschließt, vielleicht noch stolzer zu sein auf seine einzigartige eigene Meinung wie die Welt funktioniert, oder ob ein Typ, der auf Earth Crisis hängen geblieben ist sich unfassbar gebildet fühlt, weil christlicher Fundamentalismus ihm erlaubt, tierlieb zu sein. Die späteren Propagandhi scheinen mit ihrer Wut und ihrem bei Anhängern ihrer Musik bestens funktionierendem Wachrüttelansatz zu deutlich über die Sujets standardhafteren Punks hinaus. Immigranten und Flüchtlinge ins Heimatland der jeweiligen Band sind hier eigentlich immer der Mainstay dediziert linker Musik gewesen, während Propagandhi einen langen Track Record aufweist, auf z.b. Frauen- oder Schwulenrechte bzw. deren Mangel in, sagen wir mal, weniger liberalen Nationen, hinzuweisen.

Am Mitreißendsten waren sie für mich immer, wenn es um menschliche Einzelschicksale geht, und für mich beeindruckende Kommentare zum Mut von Dissidenten und politisch Verfolgten geben, oder den Hintergrund kaum bekannter menschlicher Tragödien ausleuchten, was sie hier mit „Rattan Cane“ und „Cognitive Suicide“ tun. Wer aus irgendeinem Grund daran Gefallen findet, dem seien ein paar Anhörtips gegeben:

– am Ausführlichsten zu dem Thema war sicher „Mate Ka Moris Ukun Rasik An“ (Today’s Empires, Tomorrow’s Ashes)’s Geschichte von Isabella Gahlos, die in Osttimor in Zeiten des vom Westen hofierten Kommunistenfresser Suharto sich dem Militär anschloss, um als Repräsentantin Indonesiens in Kanada ihrem Land zu huldigen – und dort vor der Welt über die Gesetzesbrüche des Suharto-Regimes, ihre Zwangssterilisation als Schulkind, die Ermordung von zweien ihrer Brüder, und der lebenslangen Verhaftung eines anderen Bruders und ihres Vaters auspackte.
– die Geschichte von Rodney Naistus, Neil Stonechild und Lawrence Wegner, die in einer saukalten Nacht vom Saskatoon Police Department gezwungen wurden, ihren Heimweg zu Fuß anzutreten, und dabei erfroren, erzählt „Bringer of Greater Things“ auf der Potemkin City Limits; sie schlägt mit sehr drastischen Worten den Bogen zur weiterlaufenden Vertreibung und Entrechtung der nordamerikanischen Ureinwohner, für deren Rechte die Drei vor ihrem Tod demonstriert hatten. Leuten die sich mit der Indianerpolitik der USA auskennen, werden Zeilen wie „the blankets to keep you warm, we’ve soiled with disease“ nochmal sauer aufstoßen.

Trackliste für euch:

1) Note to Self
2) Failed States
3) Devil’s Creek
4) Rattan Cane
5) Hadron Collision
6) Status Update
7) Cognitive Suicide
8) Things I Like
9) Unscripted Moment
10) Dark Matters
11) Lotus Gait
12) Duplicate Keys Icaro (An Interim Report)

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